Michelangelo-Hommage in der Bundeskunsthalle Das göttliche Phantom

BONN · Da stehen sie nun, die Besucher der Galleria dell'Accademia in Florenz: andächtig den Blick nach oben gerichtet. Auf was? Das sieht man auf den riesigen Fototableaus des Düsseldorfer Fotografen Thomas Struth nicht.

 Vorbild Michelangelo: Annibale Carraccis "Pietà", um 1600, nach der berühmten Gruppe in St. Peter.

Vorbild Michelangelo: Annibale Carraccis "Pietà", um 1600, nach der berühmten Gruppe in St. Peter.

Foto: kah

Aber man weiß es. An diesem geradezu heiligen Ort in Florenz steht Michelangelos monumentaler David, eine Ikone der Kunst. Auf den Fotos sieht man nur Bewunderung. Für Georg Satzinger, Professor an der Bonner Universität, der gemeinsam mit Sebastian Schütze Kurator der aktuellen Ausstellung in der Bundeskunsthalle ist, zählt Struths "Audience"-Serie zu den Schlüsselwerken der Schau. "Struth zeigt die Wirkung eines Abwesenden", sagt er, das täte die Bonner Schau auch.

Eine Hommage an Michelangelo ohne Michelangelo? Es dauert eine ganze Weile, bis man diesen kühnen Gedankensprung gemeistert und sich abgefunden hat, von dem "Göttlichen", wie er schon zu Lebzeiten gefeiert wurde, nicht einmal eine Zeichnung und nur wenige Werkfotos zu Gesicht zu bekommen. Der Besucher ist gezwungen, den Job des Museums zu machen und die innere Michelangelo-Erinnerungsmaschine anzuwerfen, sich ansonsten damit zu begnügen, das Genie Michelangelo durch die Brille mitunter gar nicht so genialischer Epigonen zu sehen. Eigentlich eine Zumutung, wären unter der Schar zeichnender, malender, bildhauernder und fotografierender Michelangelo-Fans nicht auch wunderbare Meister auf ziemlich gleicher Augenhöhe mit dem Göttlichen.

Es gibt keinen anderen Künstler, der praktisch nahtlos über Jahrhunderte hinweg rezipiert wurde - nur das für seine ephemeren, duftigen Gestalten bekannte Rokoko konnte mit den muskelbepackten Heroen nichts anfangen. Michelangelo Buonarotti, 1475 im toskanischen Caprese geboren und vor 450 Jahren in Rom gestorben, hat Künstler zu allen anderen Zeiten fasziniert und zum Kommentar gereizt.

Man trifft auf den jungen Raffael, der 1506/08 mit einem sensiblen Blick für die Anmut, Beweglichkeit und Kraft dieser kolossalen Figur den David mit der Feder aus einer ungewöhnlichen Perspektive von schräg hinten zeichnet. Fast hundert Jahre später taucht Michelangelo Merisi, der sich Caravaggio nennt, seinen jugendlichen Johannes den Täufer in dramatisches Licht, malt ihn mit wunderbaren Farben. Das Motiv entdeckte er im Deckenfresko von Michelangelos Sixtinischer Kapelle.

Etwa gleichzeitig entsteht für einen privaten Andachtsraum des Kardinals Odoardo Farnese Annibale Carraccis monumentales Gemälde der Pietà, eine weichere, hochemotionale Fassung der trauernden Maria mit dem toten Christus auf den Knien, wie sie als eines der Hauptwerke Michelangelos in St. Peter steht. Rubens hat, wen wundert's, Michelangelo exakt studiert, insbesondere die Nackten an der Decke der Sixtinischen Kapelle und den Jüngling neben der Libyschen Sibylle (der wiederum auf den antiken Torso von Belvedere zurückgeht). Faszinierend, wie sich Rubens auf die Gestaltung der Haut konzentriert.

Auguste Rodins ausdrucksstarke Bronze "Das Eherne Zeitalter" (1875/76) ist ohne die Beschäftigung mit Michelangelos "Sklaven" nicht denkbar. Paul Cézannes etwas später gemalter Badender orientiert sich an Michelangelos "Sterbenden Sklaven" aus dem Louvre, wendet jedoch die Tragik des Sklaven in eine zeitgemäßere Annäherung zwischen Mensch und Natur. Ins transzendentale Blau rückt Yves Klein 1962 den Louvre-Sklaven und entmaterialisiert damit Michelangelos Marmor-Ikone.

Die Ausstellung zeigt zahlreiche weitere bedeutende Künstler, die sich mit dem Göttlichen befasst haben, der als Künstler selbst in Bonn ein Phantom bleibt: Tintoretto und Gianbologna, Joshua Reynolds und Théodore Géricault, Henri Matisse und Robert Mapplethorpe. Das Spektrum, das die Kuratoren versammeln, ist immens, die Inszenierung spannend.

Was hat alle an Michelangelo gereizt? Zum einen die überragende Qualität des Meisters, die Kühnheit der Gestaltung - was umso deutlicher wird, wenn man das klägliche Scheitern etlicher Epigonen in der Bonner Schau verfolgt. Zum zweiten faszinierte Michelangelos Erweckung der Antike und Formulierung einer Körpersprache, die in einer sehr "modernen" Weise Emotionen, eine gewisse Tragik der Existenz transportieren kann. Zum Dritten fesselte die Figur des genialischen, selbstbewussten schöpferischen Geistes, den Michelangelo wie kein anderer verkörperte. Wer wollte dem nicht nacheifern?

Mit diesem Mythos startet die Schau, die sich nicht immer ganz nachvollziehbar von Themenfeld zu Themenfeld hangelt, bevor sich mit dem fantastischen Raum zur Medici-Kapelle ein wahrer Kosmos öffnet. Ab hier lässt einen die Schau nicht mehr los.

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Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4; bis 25. Mai. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog 29 Euro