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Alter Malersaal in Beuel: "Das Kind und der Zauberspuk" ist richtig gruselig

Alter Malersaal in Beuel : "Das Kind und der Zauberspuk" ist richtig gruselig

Ein Kind hat keine Lust auf Hausaufgaben. Das ist der Normalfall. Gar nicht normal ist jedoch, was der kleine Trotzkopf in Maurice Ravels lyrischer Fantasie "Das Kind und der Zauberspuk" veranstaltet, nachdem ihn die gestrenge Mama zu Hausarrest verurteilt hat.

Er piesackt seine Haustiere, zerdeppert Teekanne und Tasse, reißt sein Märchenbuch in Stücke, die Tapete von der Wand und der Standuhr das Pendel aus: Es ist die lieblose Leistungswelt der Erwachsenen, gegen die sich seine Zerstörungswut richtet. Auch bei der Aufführung der Mini-Oper durch den Kinder- und Jugendchor von Theater Bonn hat man Verständnis für das ungezogene Kind. Sein Zimmer auf der Bühne des Alten Malersaals ist eine albtraumhaft verzerrte Welt aus krummen und schiefen Linien.

Rechte Winkel gibt es nicht, dafür aber Dinge, die durch den Vandalismus ihres Besitzers zum Leben erweckt werden und diesem nun ihrerseits zu Leibe rücken: zum Beispiel Sofa und Sessel. Richtig gruselig wird es jedoch erst, als die misshandelte Tier- und Pflanzenwelt aufmarschiert: Katzen, Libelle, Fledermaus, Bäume und Frösche beenden ihren Zauberspuk erst, als das Kind auf einmal Mitgefühl zeigt und das verletzte Eichhörnchen verarztet: Erlösung ist in Sicht.

Ravels Vertonung einer Prosaskizze von Colette wurde 1925 in Monte Carlo uraufgeführt. Dass "L'Enfant et les Sortilèges" nur bedingt als Kinderoper gelten kann, wird auch in Jens Kerbels Bonner Inszenierung deutlich: Die aus den Fugen geratene Bühne von Ansgar Baradoy, Mathilde Grebots fantastisch skurrile Kostüme und vor allem die hintergründige Musik huldigen einem magischen Realismus, der in tiefe Schichten des Unterbewusstseins vorstößt.

Unter der musikalischen Leitung von Ekaterina Klewitz gelingt es dem auf sieben Musiker reduzierten Orchester recht gut, die frechen Rhythmen und manchmal spröden Harmonien der Partitur mit impressionistischen Tupfern ein wenig weich zu zeichnen. Die Chorsänger zeigen eine bewundernswerte Präsenz und Intonationssicherheit, und auch die Solisten machen ihre Sache - abgesehen von der mäßigen Textverständlichkeit - sehr gut.

Merle Claus etwa legt in der Titelrolle ein gerüttelt Maß Trotz in ihre helle Stimme, Rebecca Di Piazza und Scarlett Pulwey brillieren als Feuer und als Bergère mit atemberaubenden Koloraturen, Sophia Linden singt ein herzzerreißendes Prinzessinnen-Klagelied, und der starke Tenor Julian Kokott macht als very British teapot eine ebenso gute Figur wie im Froschkostüm. Die Zeit vergeht wie im Flug, und schon nach 50 Minuten ist der Spuk vorbei.

Info

Die nächsten Vorstellungen: 28. und 30. Mai, 1., 3. und 4. Juni. Karten gibt es im Bonnticket-Shop oder in den GA-Zweigstellen.