1. News
  2. Kultur & Medien
  3. Regional

Bonner Republik: Der einsamste Mann in Bonn

Bonner Republik : Der einsamste Mann in Bonn

Politik und Klatschpresse 1972 in Bonn: Ein Stück Hauptstadtgeschichte mit Kai-Uwe von Hassel und Mainhardt Graf von Nayhauß.

Anfang vergangener Woche erschien im General-Anzeiger der Nachruf auf den Journalisten Mainhardt Graf von Nayhauß. Der große Kolumnist und profunde Kenner der Bonner Republik war 94-jährig verstorben. Wir rühmten einige seiner journalistischen Coups. Am Tag, als der Nachruf erschien, trafen wir zufällig auf eine herrliche, unfreiwillig komische Geschichte, in der der Graf eine Schlüsselrolle spielte.

Homestory über den Bundestagspräsidenten

Im Frühjahr 1972 sprach Nayhauß Kai-Uwe von Hassel, den ehemaligen Bundesverteidigungsminister und von 1969 bis 1972 Bundestagspräsidenten, an, er wollte eine Homestory über ihn schreiben. Von Hassel vertröstete den Journalisten auf den Herbst. Nayhauß aber wollte die Geschichte jetzt haben und schrieb für die Zeitschrift „Jasmin“ die herzergreifende Reportage „Wie ein Mann mit seiner Einsamkeit fertig wird“. Die fängt damit an, dass der Bundestagspräsident nach einem harten Arbeitstag in sein wie ausgestorben wirkendes Haus kommt. „Kein bellender Hund, keine Frau in der Haustür, keine Kinderfahrräder an der Hauswand.“

Details aus dem Leben

Gut informiert berichtet Nayhauß, wie von Hassel vor 14 Monaten „an einem klaren, sonnigen April-Vormittag“ die schreckliche Nachricht vom Tod seiner Frau bekam. Sie habe unter Depressionen gelitten, insbesondere nachdem der einzige Sohn als Marineflieger mit einem Starfighter abgestürzt war. Seit jenem „tragischen April-Vormittag“ versuche von Hassel, allein zu leben. Nayhauß schreibt eloquent und detailreich über von Hassels Karriere, weiß genau, dass, wenn „Kai-Uwe von Hassel heute gegen 8 Uhr frühstückt (zwei Toast, süße Quarkspeise, Tee mit Zitrone, kein Ei)“, sein einziger Gesprächspartner die Haushälterin Luise Rolfs sei – dass ihm die Landfrauen seines Wahlkreises die „rotblonde End-Dreißigerin“ besorgt hätten, weiß Nayhauß auch.

Was er nicht weiß und nicht wissen kann, ist, dass von Hassel zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr so alleine ist, sondern einen privaten Coup plant.

Der traurige Politiker

Am 16. Juni 1972 erscheint Nayhauß‘ traurige Geschichte über den bemitleidenswerten, einsamen Bundestagspräsidenten in der Illustrierten „Jasmin“ mit dem obligaten Nackedei auf dem Cover. Am 1. Juli bringt „Bild“ auf der Titelseite die Schlagzeile „Bundestags-Präsident heiratete heimlich! Sie kannten sich seit mehr als zehn Jahren.“ Überraschend hätten sich der 59-jährige Politiker und die promovierte Historikerin Monika Weichert (36), Beamtin in der schleswig-holsteinischen Landesregierung, in Kiel das Jawort gegeben. „Bild“: „Nur die allerengsten Freude wussten von der Hochzeit.“

Noch heute lacht GA-Leserin Monika von Hassel über den gelungenen Coup. Als Nayhauß von Hassel einsam und verlassen wähnte, brütete das Paar in Bad Godesberg über Gästelisten und die Menüfolge, hütete den Hochzeitstermin wie ein Staatsgeheimnis.

Der Konkurrent freut sich

Die Diskrepanz zwischen Nayhauß‘ Geschichte und der Sensationsmeldung aus Kiel blieb natürlich nicht verborgen. Genüsslich spießte Walter Henkels, Nayhauß‘ journalistischer Konkurrent und „Grandseigneur der Bonner Klatschpresse“ (Monika von Hassel), das Ganze auf. In den „Aachener Nachrichten“ amüsierte sich Henkels in seiner Kolumne „Bonner Streiflichter“ unter dem Titel „Heirat des ‚einsamsten Mannes in Bonn‘ überraschte selbst Reporter“ über den Vorfall. Kommentar: „Das haut den stärksten Eskimo vom Schlitten!“ Henkels: „Der Präsident nämlich, verwitwet, hatte wieder geheiratet und die Absicht der Heirat so geheimgehalten, dass sie selbst dem Reporter, der schon seines Titels wegen auf höchste und allerhöchste Herrschaften eingeschossen ist, entgangen war.“

Graf Nayhauß reagierte auf das Ganze wie ein Gentleman und schickte dem Paar einen großen Blumenstrauß. „Allerdings erst im Oktober“, wie sich Monika von Hassel erinnert, „für ihn war es eine sehr lange Schrecksekunde“.