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Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum: Die Erfindung der Landschaft

Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum : Die Erfindung der Landschaft

Klappern gehört zum Handwerk - auch im Museum. Da nennt man eine Ausstellung vollmundig "Die Erfindung der Landschaft um 1500", obwohl es zunächst einzig und allein darum geht, sieben Zeichnungen der Anonymität zu entreißen und als "kleine Sensation" in den Parcours der Kunstgeschichte einzuspeisen - und dort als Initialwerke der mitteleuropäischen Landschaftsmalerei zu installieren.

So kühn und spekulativ das Unterfangen auch sein mag, so steil die These, man folgt Thomas Ketelsen, dem Chef der Grafischen Sammlung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum gerne, wenn er in seiner neunten Ausstellung des Grafischen Kabinetts, einer Reihe, die immer für Überraschungen gut ist, auf Spurensuche geht.

Geschickt hat er die sieben Blätter eines Unbekannten in einen Kosmos früher Landschaften von Martin Schongauer und Albrecht Dürer bis Jan van Scorel und Hieronymus Cock eingebettet. Und dann hat er ja noch das ganze Wallraf zur Verfügung: Wer schlau ist, durchstreift nach der "Erfindung der Landschaft" die Dauerausstellung auf der Suche nach Naturdarstellungen, etwa auf dem rechten Flügel des Weihnachtstriptychons von Jan de Beer, um 1515.

Bevor Ketelsen 2010 nach Köln kam, war er unter anderem an einem Forschungsprojekt zu den niederländischen Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett Dresden beteiligt. Damals wurde er auf sieben Federzeichnungen aufmerksam, deren "ästhetische Komposition" ihn ebenso faszinierte wie der "direkte Zugriff auf die Natur in Augenhöhe".

Die Art, wie der unbekannte Künstler Felsformationen zeichnete, wie er auf dem Papier mit den Effekten der Nah- und Fernsicht experimentierte, mit Blicken durch dürres Astwerk spielte und einer Räumlichkeit, die durch den bizarren Fels im Vordergrund und einer schemenhaften Stadtsilhouette am Horizont geprägt ist, schien Ketelsen einzigartig. Zumal, wenn man die mit Eisengallustinte und Bistertusche gezeichneten Blätter, wie der Kunsthistoriker vorschlägt, um 1500 datiert und in eine Beziehung zu Hieronymus Bosch stellt.

Das vorausgesetzt, wäre das, was jetzt im Wallraf-Richartz-Museum zu sehen ist, wirklich eine kleine Sensation. Man hätte hier den Augenblick der Emanzipation der Naturdarstellung zum autonomen Bild vor Augen. Das ganze Mittelalter hindurch war die Landschaft religiöser Bedeutungsträger oder Kulisse für sakrale Szenen.

Um seine These zu stützen, hat Ketelsen keine Mühen gescheut: Auf die Gruppierung der Bilder nach stilkritischen Aspekten und deren Annäherung an den prominenten Zeitgenossen Bosch folgten naturwissenschaftliche Untersuchungen. Mittels Infrarotreflektografie und Ultraviolettfotografie wurde die Kreidevorzeichnung auf den Blättern sichtbar gemacht. Der unbekannte Meister hat jeweils nach dem gleichen Muster gearbeitet.

Die Papieranalyse ergab identische Wasserzeichen (gekrönte Bourbonenlilie) in sechs Fällen, ein gotisches "P". Letzteres stammt aus einer Papiermanufaktur, die zwischen 1481 und 1500 in den Niederlanden nachweisbar ist. Schließlich wurden die Blätter einer Röntgenfluoreszenzanalyse unterzogen, die einen jeweils ähnlichen Aufbau der verwendeten Tinte offenbarte. Ketelsens Indizienkette beeindruckt.

Der Künstler blieb jedoch anonym. Man gab ihm einen Notnamen nach einem Blatt, das den Heiligen Wilhelm von Maleval zeigt. Nun heißt der Zeichner "Meister der Dresdner Maleval-Zeichnung" und wartet auf Anerkennung. Denn vor die "kleine Sensation", die Ketelsen wittert, hat die hehre Wissenschaft die Diskussion gestellt. Der sollen sich die sieben Blätter nun stellen. Es gibt schon Stimmen, die eine Nähe zu Künstlern wie Joachim Patinir oder dem Meister des Bartholomäusaltars vermuten. Die Diskussion ist eröffnet.

Ketelsen hat die Landschaft übrigens nicht zum ersten Mal erfunden: 1999 zeigte er in der Hamburger Kunsthalle "Böhmen liegt am Meer. Zur Erfindung der Landschaft um 1600".

Wallraf-Richartz-Museum Köln; bis 21. April. Di-So 10-18 Uhr