Museum für Ostasiatische Kunst in Köln Die Erfindung der Leere

KÖLN · Man muss sich nur vergegenwärtigen, wie die Kunst in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts aussah mit ihren Resten historisch-deftiger Salonmalerei und selbstverliebter Jugendstilornamentik, mit schillerndem Spätimpressionismus, dem hektischen Aufbruch der expressionistischen "Brücke"-Künstler und den aufsplitternden Räumen, Personen und Gegenständen der Kubisten um Picasso und Gris.

Die junge Moderne ist laut, wild und anmaßend. Und da ist der junge Maler Paul Klee, der in seinen Aquarellen und Zeichnungen sparsam und bedächtig die Fläche bespielt, Farbtupfer und luftige Farbschleier aufs Papier setzt. Leere Flächen bleiben übrig. Die werden plötzlich inhaltlich aufgeladen, bleiben abstrakt und mehrdeutig oder werden als Wasserfläche oder Himmel definiert. Das ist keine Erfindung Klees oder des Westens, sondern seit dem Mittelalter integrativer Bestandteil der fernöstlichen Kunst.

Klee bewunderte die Malerei Chinas und Japans, besaß etliche Bücher zum Thema, war vermutlich 1909 in der spektakulären Ausstellung "Japan und Ostasien in der Kunst" in München, bei der auch Leihgaben aus dem neugegründeten Museum Ostasiatischer Kunst in Köln gezeigt wurden.

Der Almanach "Der Blaue Reiter", an dem auch Klee mitarbeitete, brachte Kandinskys Rezension der Ausstellung. Es verwundert, dass es, obwohl Klee sich über Jahrzehnte hinweg mit chinesischer und japanischer Kunst beschäftigte, erst jetzt eine Ausstellung zu diesem Thema gibt.

Das Berner Zentrum Paul Klee und das Kölner Museum für Ostasiatischer Kunst haben nun die exzellent recherchierte Ausstellung "Vom Japonismus zu Zen - Paul Klee und der Ferne Osten" erarbeitet, die im vergangenen Jahr in Bern gezeigt wurde und nun in stark veränderter Form in Köln zu sehen ist.

Um genau zu sein: Es sind zwei herausragende Ausstellungen, die einander wunderbar ergänzen. 80 Blätter und Gemälde Paul Klees - allein das schon bemerkenswert - treffen auf 80 herrliche Farbholzschnitte, Rollbilder und Wandschirme aus der Kölner Sammlung. Köln führt somit das vom Essener Folkwang mit "Inspiration Japan" angestoßene Thema ins 20. Jahrhundert.

Klee hat Fernöstliches nicht kopiert, keine Motive übernommen, sondern den Geist und die Technik genau studiert und in seine Kunst aufgenommen. Blätter von Hokusai und Hiroshige treffen in der Schau auf Aquarelle Klees, die eine ganz ähnliche Auffassung von Aufbau, Perspektive und flacher Räumlichkeit haben.

Virtuose Farbspritzer und undefinierbare, zart verlaufende Flächen finden sich etwa bei Soami Shinso wie in einer Landschaft von Klee. Der hat die feine Ironie, den deftigen Witz und die karikaturhaften Grimassen von Hokusai ebenso aufgenommen, wie er sich von den Kalligrafien der Zen-Meister begeistern ließ.

Klees Fernost-Manie blieb nicht ohne Kommentar: Sein Schüler Ernst Kállai zeichnete ihn etwa 1928/29 als "Bauhausbuddha" mit zwei anbetenden Schülern. Dass aber auch Japan in Klee eine bedeutende Figur sah, dokumentiert das abschließende Kapitel der überaus sehenswerten Ausstellung: Der Manga-Zeichner Kazuya Takahashi ließ sich ebenso von Klee inspirieren wie der Komponist Toru Takemitsu, der Klees Kunst zwei Kompositionen widmete (sie sind in der Ausstellung zu hören). Hinreißend schließlich Leiko Ikemuras wandfüllende, sehr unterhaltsame Beschäftigung mit Klees Katzenbildern.

Info

Museum für Ostasiatische Kunst, Köln; bis 1. Februar 2015. Di-So 11-17 Uhr, Katalog 28 Euro