Die Irrfahrten einer Reliquie

167 Jahre geht ein Medaillon mit Beethovens Haarlocke von Hand zu Hand. Ein Fernsehfilm macht die Odyssee des Erbstücks zu einem fesselnden medizinischen Thriller

Bonn. In den Vereinigten Staaten nimmt 1994 die unglaubliche Reise einer Reliquie ihr vorläufiges Ende. Die zwei Amerikaner Ira Brilliant und Che Guevara ersteigern ein plötzlich aufgetauchtes Medaillon mit der Haarlocke von Ludwig van Beethoven bei einer Auktion des renommierten Auktionshauses Sotheby's.

Doch welche Reise hat dieses außergewöhnliche Wertstück zurückgelegt und warum wurde es ausgerechnet von einer dänischen Arzttochter zur Versteigerung eingereicht? Diesen und anderen Fragen geht Larry Weinsteins Film "Das Geheimnis um Beethovens Haar", basierend auf dem Bestseller "Beethovens's Hair" von Russel Martin, auf den Grund.

Ganze 167 Jahre reiste die Haarlocke durch Europa, dennoch hat sie auch nach fast zwei Jahrhunderten Bedeutung und Aussagekraft für die Wissenschaft und Forschung nicht verloren. Die Dokumentation erzählt nicht allein von der Geschichte und Reise des haarigen Objekts, sondern wandelt sich zeitweilig zum medizinischen Thriller, der Erkenntnisse über das Leiden und Sterben Beethovens vermittelt.

Am 27. März 1827, also einen Tag nach Beethovens Tod, erscheint der 15-jährige Ferdinand Hiller, ein Weggefährte von Wagner, Schumann und Mendelssohn, am Totenbett und schneidet aus Verehrung seinem Vorbild eine Haarlocke ab. Hiller, später ein durchaus erfolgreicher Komponist und Dirigent, lässt ein Medaillon anfertigen, in dem die Locke aufbewahrt wird. Auch seine Nachkommen halten das kostbare Erbstück in Ehren.

So vermacht Ferdinand Hiller, als er dem Tode nahe ist, das Medaillon seinem Sohn Paul zum Geburtstag. Als im 20. Jahrhundert die zwei Weltkriege toben und die jüdische, in Köln lebende Familie im Zweiten Weltkrieg nach dem Tod Paul Hillers 1933 zerschlagen wird, verwischt sich die Spur des Familienstücks.

Die Frau Paul Hillers stirbt bei ihrer Flucht aus Deutschland; der älteste Sohn kann sich zunächst in die Schweiz retten; Jahre später jedoch zerbricht er an seinen Depressionen und wählt den Freitod. Dem jüngsten Sohn ist es möglich, eine Zeit lang seine jüdische Abstammung geheim zu halten; doch auch er wird entdeckt und festgenommen.

Nach dem Krieg gilt er als verstorben. Doch durch einen Hinweis im Testament seines älteren Bruders findet er sich unter dem Decknamen Marcel Hillaire wieder; in Amerika hatte er unter neuem Namen eine Karriere als Schauspieler gemacht. Mit diesen kriminalistischen und packend geschilderten Untersuchungen der Reportage wird der Zuschauer zunächst auf die falsche Spur gebracht.

Jahre später stellt sich heraus, dass die Hillers gar nicht mehr im Besitz der Haarlocke Beethovens waren. Paul Hiller nämlich vermachte das Erbstück einem Krematorium in Deutschland.

1943 gelangt das Medaillon nach Dänemark, wo es als Bezahlung für medizinische Dienste in die Hände eines dänischen Doktors übergeht. Über Jahrzehnte hinweg wird die Herkunft der Beethoven-Reliquie selbst innerhalb der Familie geheim gehalten. Erst als die Arzttochter 1994 das Erbstück beim englischen Auktionshaus einreicht, beginnt die Spurensuche nach der eigentlichen Herkunft und dem Verbleib der Haare.

Nach der Versteigerung gaben die zwei Beethoven-Enthusiasten aus Amerika ihre Errungenschaft für wissenschaftliche Untersuchungen frei. Mit Hilfe von neuesten Technologien auf dem Gebiet der DNA-Forschung wurde nach dem eigentlichen Leidensgrund von Ludwig van Beethoven gesucht. Die Reportage liefert Gründe für seine tragische Taubheit, für seine Depressionen und seinen schmerzhaften Tod.

Eine volle Stunde voller Spannung und Detailliebe fesselt den Zuschauer - eine detektivische Meisterleitung, auf die selbst Kollegen vom "Tatort" neidisch sein könnten. "Das Geheimnis um Beethovens Haar - Die unglaublichen Irrfahrten einer Reliquie" von Larry Weinstein zeigt das ZDF am Mittwoch, 29.Juni, um 0.00 Uhr