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Bonner Theater: Dominic Friedel inszeniert drei Kurzstücke von Philipp Löhle

Bonner Theater : Dominic Friedel inszeniert drei Kurzstücke von Philipp Löhle

Am Anfang haben wir Mitmach-Theater gespielt. In der Werkstatt, wo der Regisseur Dominic Friedel die deutschsprachige Erstaufführung dreier Kurzstücke von Philipp Löhle besorgte, waren die Zuschauer zunächst Teil der Inszenierung.

Für das erste Stück des Abends, "Big Mitmache", saßen wie nicht im Parkett, sondern versammelten uns auf der Bühne: als mitspielende Beobachter. Das war doppelt ärgerlich. Zum einen gab es keine Gage, zum anderen hatten wir leider keinen Einfluss auf die Qualität des Textes.

Philipp Löhles Stück "Der Wind macht das Fähnchen", das Dominic Friedel 2012 in der Werkstatt inszeniert hat und das immer noch auf dem Spielplan steht, ist in bester Erinnerung. Löhle erzählt, heiter und erbarmungslos zugleich, eine Familienzerfallsgeschichte. "Big Mitmache" kann man mit einigem Wohlwollen als satirisch-parodistische Betrachtung einer Gruppe von jungen, verwirrten Menschen anno 1973 lesen. Sie streiten sich über den Namen ihrer offenbar terroristischen Vereinigung ("Fotze" oder doch besser "F.O.T.Z.E"?), mit der sie "das System" bekämpfen wollen.

Regisseur Friedel unterstreicht die geistlos-albernen Bemühungen von Felix (Philine Bührer), Nils (Nico Link), Rosa (Julia Goldberg) und Ina (Johanna Wieking), die mit unkonventionellen Kontaktlinsen aussehen wie debile Zombies, mit lärmigem Slapstick. Schauspielen muss da niemand, aber auf dem Boden kriechen oder in eine gelbe Tonne hineinsprechen, die Peter Schickart (Ausstattung) auf das Spielfeld gestellt hat.

Und das Publikum? Es (von wenigen Ausnahmen abgesehen) macht alles mit. Wie früher in der ZDF-Hitparade lassen die Zuschauer sich zum Mitklatschen animieren, und sie hören auch nicht auf, als Felix, Nils, Rosa und Ina skandieren: "Fotzennazis. Fotzenamis. Fotzenjuden." Wenn der neunzigminütige Abend eine Erkenntnis brachte, dann die von der kinderleichten Manipulierbarkeit der Menschen.

"Herr Weber und die Litotes" hieß der zweite, anspruchsvollere Teil der Löhle-Trilogie in der Werkstatt. Rolf Mautz verkörperte eine Frau am Ende ihres Lebens, Wolfgang Rüter war ein Mann, der eine Karriere als Arbeitsloser hingelegt hatte, bevor er sich in den Dienst des Gemeinwesens stellte; er tötet Senioren, um die finanzielle Last des Sozialstaats zu mindern. Mautz und Rüter statteten ihre Figuren mit Vergänglichkeits-Pathos und Vergeblichkeits-Posen aus. Mautz als Pensionärin schien gleichsam Krapps letztes Band abzuhören, diese alte Frau breitete ihre grotesken Erinnerungen, Traumata und Reflexionen vor dem Publikum aus - da saßen wir schon wieder auf den Theatersitzen.

Rüter gab seiner Figur ebenfalls Konturen, mit kabarettistischen Mitteln. Die beiden Schauspieler schufen intensive Miniaturen zwischen Groteske und Verzweiflung: zum Lachen und zum Mitempfinden. Ein bisschen Kapitalismuskritik wurde auch spürbar.

Das letzte Stück, "Afrokalypse", lebte auch von inspirierten Schauspielern. Es variiert ein Thema, das der französische Autor Jean Raspail in seinem Roman "Das Heerlager der Heiligen" behandelt: Die dritte Welt überrollt die erste, und zwar mit Gewalt. Tanja von Oertzen war der Präsident eines fiktiven europäischen Landes, Tatjana Pasztor sein Adjutant mit Namen Katten. Die beiden, zu Beginn maskiert und gekleidet in Kostümen aus einer längst vergangenen Zeit (circa 18. Jahrhundert), kamen dem Publikum physisch ganz nah, man erlebte Theater in Großaufnahme.

Der Präsident und sein Adjutant sind auf der Flucht vor, darf man annehmen, marodierenden Horden. Die Welt, wie die Europäer sie kennen, liegt in Trümmern. Was bleibt, sind Haltung und Rhetorik. Tanja von Oertzen bemühte mit viel Nachdruck den Freiheitsbegriff, auf dem westliche Demokratien basieren, aber ihre statuarische Haltung verriet, dass die Wirklichkeit dabei waren, die großen Begriffe aufzufressen.

Tatjana Pasztor als Katten hatte noch Leben in sich, doch das Aufbegehren des Adjutanten endete in der kläglichen Imitation des unterdessen verstorbenen Präsidenten. Dazu spielten sie "(I Just) Died In Your Arms Tonight" von Cutting Crew.

Die nächsten Aufführungen: 26. März, 10., 18. und 25. April. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.