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Preis der Deutschen Schallplattenkritik: Dr. Beethovens Leidenschaft

Preis der Deutschen Schallplattenkritik : Dr. Beethovens Leidenschaft

Wenn es kein Widerspruch wäre, könnte man den Pianisten Michael Korstick als eine Art öffentliches Phantom bezeichnen. Zwei Jahre lang wohnte der gebürtige Kölner kaum mehr als einen Steinwurf von Ludwig van Beethovens Geburtshaus entfernt in Bonn, engagierte sich im Vorstand der Bürger für Beethoven, und war sich als renommierter Pianist nicht zu schade, an der Bonner Musikschule Kindern Klavierunterricht zu erteilen.

Als Musiker aber blieb der hochgewachsene Mann mit den wachen Augen und scharf geschnittenen Gesichtszügen, der vor einigen Wochen wegen einer Klavierprofessur ins österreichische Linz gezogen ist, für die meisten Musikfreunde weitgehend unsichtbar. Das offizielle Bonner Konzertleben nämlich spielt in der dicht beschriebenen künstlerischen Vita des heute 59-jährigen Pianisten und ausgewiesenen Beethoven-Spezialisten kaum eine Rolle.

Aufgetreten ist er während seines zweijährigen Intermezzos in der Beethoven-Stadt aber in der Kulturmühle Lessenich, wo der scheidende Leiter der Musikschule Bonn und Korstick-Freund Christoph Pinsdorf regelmäßig Konzerte organisiert. Auch vorm Beethoven-Denkmal auf dem Münsterplatz spielte er, als die Bürger für Beethoven 2013 an die Enthüllung der Statue 168 Jahre zuvor erinnerten. "Es ist wichtig, Leute auf der Straße anzusprechen, um ihnen zu zeigen, worum es bei Beethoven geht", sagt Korstick über seine ehrenamtliche Arbeit bei den Bürgern.

Gehör fand sein Spiel auch in den vergangenen Jahren immer wieder beim - ebenfalls in Bonn ansässigen - "Preis der Deutschen Schallplattenkritik": Erst in dieser Woche wurde eine der jüngsten CD-Einspielung Korsticks, auf der Franz Schuberts Klaviersonaten A-Dur D 664, A-Dur D 959 und B-Dur D 960 sowie einige kleinere Stücke versammelt sind, mit dem begehrten Vierteljahrespreis in der Kategorie Tasteninstrumente ausgezeichnet.

"Ich hätte die CD gern bei einem Konzert in Bonn vorgestellt. Aber da wollte kein Veranstalter ran", sagt Korstick. Dass den Bonnern da etwas entgangen ist, macht neben der Musik auch die knappe Laudatio des Kritikers und Klavierexperten Attila Csampai deutlich, wenn er schreibt, dass in Kosticks Schubert-Aufnahme die "bereits bei Beethoven bewährte radikale Textgenauigkeit eine fast wissenschaftliche Qualität" gewonnen habe. Dies sei ein Schlüssel, "der die tiefe Sinnhaftigkeit dieser Musik und insbesondere Schuberts ungebrochene Experimentierlust neu aufschließt".

Csampai spricht hier etwas an, was für Korsticks Musikauffassung existenziell ist, was beim Hören seiner Interpretationen ebenso schnell deutlich wird, wie im Gespräch mit dem Pianisten. Noch bevor die Kellnerin in dem Bonner Café, wo wir uns verabredet haben, die Getränke auf den Tisch stellt, sind wir schon bei Beethovens Violinsonate in A-Dur op. 47, der sogenannten "Kreutzersonate", die er gerade mit dem Geiger Thomas Albertus Irnberger aufgenommen hat.

Korstick, dem Neuaufnahmen immer nur dann sinnvoll erscheinen, wenn sie wirklich etwas Neues zu sagen haben, hebt da etwa auf das besondere Verhältnis beider Instrumente zueinander ab. "Es sind die ersten Duo-Sonaten, in denen jedes Instrument in jedem Moment eine klar definierte Rolle hat. Der stetige Rollenwechsel, das ist das Spannende. Dazu braucht man einen Geiger, der gegenhalten kann. Und der bereit ist, den Notentext ganz genau umzusetzen."

Diese Erkenntnis will er im Rahmen der geplanten Gesamteinspielung der Violinsonaten nachvollziehbar machen. Dabei muss der Hörer sich durchaus auf Ungewohntes einlassen, wie man gleich am Beginn der "Kreutzersonate" erleben kann. "Den ersten Takt spielt jeder Geiger in jeder Aufführung und jeder Aufnahme, die ich jemals gehört haben, mit geteiltem Bogen.

Irnberger nimmt aber, wie es von Beethoven notiert ist, den ganzen ersten Takt auf einen Bogenstrich. Das ist eine irrsinnige Herausforderung, weil es ja auch noch schön klingen soll." Sein Partner schaffe das ebenso wie er die Beethoven'schen Tempi meistere. Nach der langsamen Einleitung will Beethoven ein Presto, was vom Musiker-Duo in der Aufnahme mit unglaublicher Leidenschaft und virtuoser Rasanz umgesetzt wird. Einwürfen, das sei viel zu schnell, begegnet Korstick mit dem Argument, dass Beethovens sprachlich sehr genaue Angaben wenig Raum für Spekulationen böten.

Wenn es um die Durchsetzung des Notentextes geht, gibt er sich kompromisslos, was im Falle der späten Sonate in B-Dur op. 106, der "Hammerklaviersonate zu einer echte pianistischen Herausforderung wird. Die große Mehrheit seiner Kollegen jedenfalls ignoriert, dass Beethoven im ersten Satz für halbe Notenwerte die extreme Metronomzahl 138 als Grundtempo angibt. Korstick aber wagt - und gewinnt. Auf der anderen Seite hält er wenig vom Originalklang, also vom Spiel auf Instrumenten der Beethoven-Zeit. "Warum soll man auf Instrumenten spielen, über die Beethoven selbst sagte, dass sie nichts taugen?", fragt der Pianist, den man schon als Student an der New Yorker Juilliard School mit Dr. Beethoven anzureden pflegte.

Der Fantasie-Titel lenkt freilich ein bisschen von Korsticks ungeheuer breitem Repertoire ab, das für mehrere Pianisten-Leben reichen würde. Neben den großen Werken der Klassik und Romantik von Mozart bis Rachmaninow und dem kompletten Klavierwerk von Claude Debussy finden sich da auch unbekanntere Sachen wie das komplette Klavierwerk von Charles Koechlin oder die vier Klavierkonzerte Dimitri Kabalewskys. Vieles davon hat Korstick für diverse Klassik-Labels eingespielt.

Derzeit beschäftigt sich der Pianist intensiv mit der Musik von Franz Liszt. Beim Klavierfestival Ruhr spielte er im vergangenen Jahr die "Harmonies poétiques et réligieuses". "Ich liebe diese Stücke heiß und innig", sagt er. "Und wenn es jemals mit dem Beethovenfest klappen sollte, werde ich diesen Zyklus in Bonn spielen." Wer nicht so lange warten möchte, kann sich aber schon auf Korsticks Gastspiel im nächsten Juni bei den Brühler Schlosskonzerten freuen.