Rüdiger Safranski im Bonner Schauspielhaus über Franz Kafka Ein Genie voller Selbstzweifel

Bonn · Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski spricht im Bonner Schauspielhaus über seine Kafka-Biografie. Dabei geht es nicht bleischwer zu, und die Besucher wissen jetzt, warum Kafka im Möbelgeschäft das kalte Grausen überkam.

Der Philosoph Rüdiger Safranski in seinem Haus.

Der Philosoph Rüdiger Safranski in seinem Haus.

Foto: dpa/Patrick Seeger

Wie tief Franz Kafka in Selbstzweifeln versunken gewesen sein muss, davon gibt das Phänomen des doppelten Schuldgefühls einen starken Eindruck. „Wenn man sich der Literatur so verschreibt wie Kafka, dann entsteht ein Schuldgefühl dem Leben gegenüber“, setzt Rüdiger Safranski im Bonner Schauspielhaus zu einer Erklärung an. „Wenn er sich auf das Leben eingelassen hat, hatte er das Gefühl, sich dem Schreiben gegenüber schuldig gemacht zu haben.“

Wo findet das eigentliche Leben also statt? „Das ist die Grundkonstellation in Kafkas Leben – dieses doppelte Schuldgefühl. Das war auch sein Antrieb, das hat ihn befeuert. Das macht sein Genie aus“, so Safranski. In seinem Tagebuch notierte der 1883 in Prag geborene Schriftsteller damals kurz und bündig: „Alles, was sich nicht auf Literatur bezieht, hasse ich.“ Was für eine monströse Konsequenz.

Auf Einladung von Barbara Ter-Nedden (Parkbuchhandlung) spricht der prominente Philosoph, Literaturwissenschaftler und Autor Rüdiger Safranski zum 100. Todesjahr von Franz Kafka mit Moderator Manfred Osten im Schauspielhaus über seine Kafka-Biografie „Um sein Leben schreiben“. Der etwas „verstörende Titel“ (Osten) zielt natürlich auf die für Kafka existenzielle Bedeutung des Schreibens ab. „Wenn Kafka schreibt, strömt ihm Lebenskraft zu“, so Safranski. Es bedeutet aber auch: „Das Schreiben lässt ihn auf Menschen zugehen und treibt ihn ins Alleinsein.“

Die Beziehung zu Felice Bauer als Lust und Last in einem

Safranski gibt ein konkretes Beispiel: Die Beziehung zu Felice Bauer habe im Herbst 1912 eine „beispiellose Entriegelung seiner schöpferischen Kräfte“ ausgelöst. Kurz darauf schrieb er die Erzählung „Das Urteil“ nachts in acht Stunden und an einem Stück. Insgesamt 400 Druckseiten Briefe verfasste Kafka an Felice. Erst im Frühjahr 1913 trafen sie sich wieder, ziemlich ernüchtert. „Face to face hatten sie sich nichts zu sagen“, stellt Safranski fest. „Sie wiederholten das an Pfingsten und merkten, es geht nicht.“

Trotzdem machte Kafka ihr 1914 doch noch einen Heiratsantrag. „Dann ging sie mit ihm durch die Möbelgeschäfte, und da packte ihn das kalte Grausen.“ Heiterkeit bei den beiden Herren auf der Bühne und auch im Publikum. Das Thema Kafka muss eben nicht zwangsläufig bleischwer sein.

Rüdiger Safranski: Um sein Leben schreiben. Hanser, 256 Seiten, 26 Euro

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