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Die 30. Morenhovener Kabarett-Tage: Fokus auf das Wort

Die 30. Morenhovener Kabarett-Tage : Fokus auf das Wort

Die Morenhovener Kabarett-Tage feiern 2017 einen runden Geburtstag. Höhepunkt der Saison ist am 10. November die Verleihung der Lupe an den Politiker Gregor Gysi.

Bernhard Hoëcker hat eine zu Hause. Jochen Malmsheimer, Dieter Nuhr und Volker Pispers ebenso. Gerhard Polt wiederum hat sich seinerzeit so sehr über die Morenhovener Lupe - den drittältesten Kabarett- und Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum - gefreut, dass er ihr denn auch gleich ihren eigentlichen Zweck zusprach: "dieses Morenhoven auf derer Karten überhaupt zu finden".

25 Jahre ist das inzwischen her. Und seit 1992 haben weitere seiner Kollegen die Auszeichnung dort entgegengenommen - in dem 20 Autominuten südwestlich von Bonn gelegenen Ort der Gemeinde Swisttal mit 1758 Einwohnern, der das Jahr über gemeinhin nicht viel Aufhebens von sich macht. Das ganze Jahr? Bis auf gut sechs Wochen im Herbst von Mitte Oktober bis Anfang Dezember: die Morenhovener Kabarett-Tage, die jetzt zum 30. Mal über die Bühne gehen.

In diesen Wochen reiht sich rund um das Kreaforum im ehemaligen Schulgebäude in der Vivatsgasse mit rund 80 Plätzen ein ortsfremdes Kennzeichen an das andere. Am 10. November dann auch eines aus Berlin. Gregor Gysi heißt der Preisträger 2017, der die Auszeichnung - wegen des sich bereits abzeichnenden Publikumsinteresses - gleich um die Ecke, im Morenhovener Bürgerhaus, entgegennehmen wird. Den Abend gestaltet Preisträger der ersten Lupe aus dem Jahr 1988: Konrad Beikircher.

"Zu diesem runden Geburtstag sollte es auch etwas ganz Besonderes sein", sagt Klaus Grewe, Initiator der Kabarett-Tage, Vorstandsmitglied und Juror der Initiative KuSS (Kultur und Spektakel im Swisttal). Und dies um so mehr, als das 25-jährige Jubiläum 2012 ausgerechnet ins dasselbe Jahr fiel wie Sanierung und Umbau der alten Schule.

Der ebenso eloquente wie streitbare Rechtsanwalt und Politiker, der seit 2005 für die Linke im Bundestag sitzt, hat sich der Jury gleich doppelt empfohlen. Da wären zum einen "das Maß an Kreativität, Originalität, aber auch Gesellschaftskritik, das im Werk des Preisträgers zum Ausdruck gekommen ist", und zweitens seine Sonntagsgespräche im Berliner Kabarett Die Distel mit dem bezeichnenden Titel "Missverstehen Sie mich richtig".

Das passt nebst Gysi auch gut zu den Kabarettisten und Kleinkünstlern, die sich diesmal die Klinke des Kreaforums in die Hand geben werden. Allesamt bekannte Gesichter - die mindestens schon ein Mal in Morenhoven aufgetreten sind, gern aber auch mehrmals. Zu den überzeugten Wiederholungstätern zählt beispielsweise Erwin Grosche - Poet mit Hintersinn - der die Zuschauer mit seinen "Kurzszenen volle Anmut und Lebensfreude" entzückt. Kenner (und das sind nicht wenige) warten explizit darauf. Seit 1999 ist Grosche auch stolzer Besitzer einer in England gefertigten und signierten Lupe im schwarzen Samtsack.

Zufall? Mitnichten. Das Geburtstagsprogramm wartet mit zahlreichen weiteren Preisträgern auf. Ulan & Bator (2013), die nach wie vor auf den modischen Durchbruch ihrer gestrickten Bommelmützen warten und sich derweil die Zeit mit geistreichem Unsinn vertreiben. Marcus Jeroch, der sich mit mehlbestäubter Frisur und dadaesker Sprachkunst einen Namen gemacht hat und dafür 2011 die Trophäe in die Hand nahm. Jürgen Becker, der 2001 gemeinsam mit Martin Stankowski sowie Hermann-Josef Beck und Wolfgang Jägers mit den üblichen Vorurteilen gegen Archäologen aufräumte. Was nicht nur einem promovierten Geodäten wie Grewe aus der Seele gesprochen haben dürfte.

Zu Namensverwechslungen lädt der Lupe-Preisträger 2015 ein. Und so beschloss Jürgen Beckers schließlich, fortan unter dem Namen Jürgen B. Hausmann aufzutreten. Seine Spezialität ist das "Kabarett direkt von vor der Haustür" oder wie man hierzulande die wirklich wesentlichen Dialoge des täglichen Lebens einzuleiten pflegt: "Wie jeht et?" - "Et jeht!" Das kennt der gebürtige Kanadier und überzeugte Wahlrheinländer Bill Mockridge aus seinem Veedel in Bonn-Endenich. Von dort aus hatte er es 2014 auch nicht allzu weit ins Kreaforum.

Einer der ersten Preisträger war 1997 Richard Rogler, der 20 Jahre später auf seiner "Tour 2017" gern mal wieder 'rein schaut. Bewusst aus der Reihe tanzte die aus dem idyllisch gelegenen Bernkastel-Kues stammende Hilde Kappes hingegen schon, bevor sie 2002 die Lupe in Empfang nahm. Ihre unnachahmlichen Landschaften einer Stimme reichen von Jazz, Blues und Chanson über Weltmusik und Schnulze bis zur Klassik. Ebenfalls unverwechselbares Profil mit liebevoll gepflegten Ecken und Kanten zeigen Carmela de Feo alias La Signora mit herzlich-rauem Italo-Charme in Oberhausener Zuschnitt und das schräg-kreative Satire-Duo Onkel Fisch alias Adrian Engels und Markus Riedinger, die vielleicht daheim auch schon mal einen Platz für eine der nächsten Lupen freihalten sollten.

Vielversprechende Anwärter auf den Titel sind ferner Evi & Das Tier - Botschafter des burlesken Entertainments mit sicherem Gespür für Glamour, große Show und das selbstironische Augenzwinkern im rechten Moment - oder die boshafte Dame des politischen Kabaretts, Barbara Kuster, die beim Zuhören die Vorstellung erweckt, als würde sie ihre Zunge des morgens stilecht mit Rasierklingen schleifen.

Doch die Morenhovener Kabarett-Tage wären nicht, was sie sind, würden sie auch im 30. Jahr nicht noch mit neuen Namen aufwarten. So wie der in Japan geborene Kai Spitzl, der heute abwechselnd in Osaka und Hamburg lebt und von beiden (Metro)Polen aus einen bemerkenswerten Blick auf den "Systemfehler Globalisierung" wirft.

Und zu guter Letzt, im Januar 2018, folgt die von Robert Griess Jahr für Jahr aufs Neue gewürzte Schlachtplatte der guten alten rheinischen Gesetzmäßigkeit: Mehr als zwei Mal ist hierzulande Tradition, geht fließend ins Brauchtum über und erlangt schließlich Kultstatus; inklusive der wechselnden Besetzung "bei Tisch".

Dort nimmt nunmehr Finanzkabarettist Chin Meyer Platz. Späteres Wiedersehen mit eigenem Programm nicht ausgeschlossen. Denn eines hat sich seit den Anfangstagen und bis heute nicht geändert: "Wir buchen niemanden, den wir nicht selbst auf der Bühne gesehen haben", wie Grewe abschließend hinzufügt.