Ausstellung in der Galerie Andreae in Bonn Glitzernde Spiegel und Fliesenbilder

Bonn · Der Berliner Künstler Lukas Glinkowski zeigt in der Bonner Galerie Judith Andreae Spiegel- und Fliesenbilder. Laura Giesdorf aus Detmold geißelt den Schönheitswahn. Und beides ist unbedingt sehenswert.

 Videoarbeit von Laura Giesdorf

Videoarbeit von Laura Giesdorf

Foto: Thomas Kliemann

Bemalte oder besprühte Spiegel und mit Graffiti überzogene Fliesen sind Phänomene der Subkultur, die auf jenen glatten, kalten Oberflächen ihre Botschaften und obszöne Fantasien verewigt, bis der nächste Passant seine Kommentare oder Statements drüberlegt. Eng verknüpft sind die Botschaften mit den Orten, in denen Spiegel und Fliesen zu finden sind, Bahnhofsklos und Club-Toiletten.

Lukas Glinkowski spielt bei seinen Spiegel- und Fliesenarbeiten, die er in der Bonner Galerie Judith An­dreae zeigt, auf jenes Schmuddel-Ambiente an, re-inszeniert es aber betont cool & clean: Da herrschen penible Ordnung und Disziplin, da gibt es keinen Dreck und keine Sauereien, die mit Lack neben Malereipassagen, Piktogrammen und Chiffren aufgetragenen Sprüche setzte kein Anonymus in die Welt, sie stammen von Michel Houellebecq, Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre. „Houellebecq ist mein Lieblingsschriftsteller“, sagt der Künstler. Ausgewählt hat er das Zitat: „Eine seltsame Idee, sich fortzupflanzen, wenn man das Leben nicht liebt“.

Glitzernde Berliner

Die Titel der Bilder lauten zum Beispiel „King Size Bar“, „Tannenbaum Bar“ oder „Vater Bar“, die Bemalung changiert zwischen Pastelltönen und kräftigen Kontrasten. Insbesondere die Spiegelbilder überzeugen als buchstäblich vielschichtige Rauminszenierungen, in denen sich der Betrachter wiederfindet. Glitzernde Pigmente, die sich über die Bilder legen, lassen an ein Ambiente denken, in dem sich eine Disko-Kugel dreht. Glinkowski (Jahrgang 1984) gibt eine andere Erklärung: Beim Bäcker inspirierte ihn das Glitzern vom Zucker auf Berlinern. Daher heißt die Ausstellung „10 Berliner mit Puderzucker*“. Glinkowski war Meisterschüler von Katharina Grosse. In Bonn war er zum Beispiel in der Ausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ im Kunstmuseum Bonn zu sehen.

Schönheitswahn im Keller

 Lukas Glinkowski: „Michel-Houellebecq-Straße“

Lukas Glinkowski: „Michel-Houellebecq-Straße“

Foto: Felix Contzen

Besonders spannend geht es im gemauerten Gewölbekeller der Galerie mit einer Zweikanal-Videoarbeit weiter: Im Hintergrund Stimmengewirr, in der Totalen die Künstlerin Laura Giesdorf aus Detmold (Jahrgang 1994) beim Schminken. Bilder, die wahlweise etwas Laszives oder Aggressives haben, Studien eines alltäglichen Rituals, das in Zeiten Sozialer Medien in Echtzeit auf dem virtuellen Marktplatz verhandelt wird. Gnadenlos. Genauso gnadenlos ist die Konkurrenz der Schmink-Tutorials, die kaum mehr tun, als individuelle Persönlichkeiten in Richtung Mainstream zu trimmen. Das Stimmengewirr stammt aus solchen Ratgebern und Lernfilmen. Ein eindrucksvolles Statement gegen den Schönheitswahn – ohne erhobenen Zeigefinger.

Galerie Judith Andreae, Paul Kemp-Straße 7; bis 11. Juni. Mi 10-18, Do, Fr 14-18. Sa 11-15 Uhr.

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