Bonner Beethoven-Haus Gipfelsturm an acht Abenden

Bonn · Hinrich Alpers kehrt mit einem besonderen Projekt nach Bonn zurück. Der Beethoven-Competition-Sieger 2009 erzählt im GA-Interview über seinen Bonner Beethoven-Zyklus.

Hinrich Alpers, Gewinner der Telekom Beethoven Competition 2009, kehrt nun mit einem besonderen Projekt nach Bonn zurück: An acht Abenden im August und September spielt er beim diesjährigen Klaviersommer des Beethoven-Hauses den Zyklus der 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Bernhard Hartmann sprach mit ihm über das Vorhaben.

Beim Üben welcher Beethoven-Sonate störe ich Sie gerade mit meinem Anruf?

Hinrich Alpers: Ich habe die "Appassionata" gespielt.

Was reizt Sie daran, sämtliche 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens in so kurzer Zeit aufzuführen?

Alpers: Das Projekt ist für mich eine Zeitreise durch Beethovens Leben. Ich spiele die Sonaten chronologisch, fange mit der ersten an und beende den Zyklus mit der letzten. Es erscheint fast so, als hätte Beethoven es darauf angelegt, dass man später einmal alle Sonaten hintereinanderweg spielen könnte. Es ergeben sich nämlich sehr schlüssige Programme daraus.

Jede der 32 Klaviersonaten enthält eine eigene Geschichte. Um sie zu erzählen, braucht es mehr als die rein manuelle Bewältigung. Wie intensiv ist dann so eine Beschäftigung mit jedem einzelnen Werk?

Alpers: Die philosophische Antwort lautet, dass es eine Lebensaufgabe ist. Aber ganz praktisch: Natürlich gibt es Sonaten, die sind schon eine echte Zumutung. Das Programm mit der "Hammerklaviersonate" habe ich nicht ohne Grund mit der Überschrift "Der Gipfel" versehen - auch wenn das nicht ganz unironisch gemeint ist. Man fragt sich manchmal: Was, zur Hölle, ist hier los? Da ist eine Fuge, die gar nicht wie eine Fuge klingt, sondern nur wie ein ganz, ganz schnelles Klavierstück...

Aber auch der langsame Satz hat es in sich.

Alpers: Damit öffnet Beethoven die Tür zur Romantik. Theoretisch hätte er die Epoche von Schumann und Liszt ja noch bewusst erleben können. Ich habe bei diesem Adagio immer das Bild vor Augen, dass Beethoven ihnen sagt: "Ich mache euch die Tür auf, aber hindurchgehen müsst ihr selbst. Das kann ich jetzt nicht mehr." Es gibt da viele Berührungspunkte. Auch in der harmonischen Sprache. Beethoven ist da sehr, sehr romantisch. Er komponiert hier unerhörte Klangeffekte, die selbst in der Romantik noch nicht wieder aufgegriffen wurden, sondern erst sehr viel später. Aber dann gibt es ja auch die vielen Sonaten, die nicht so bekannt sind.

Zum Beispiel?

Alpers: Die Sonate op. 31 Nr. 1 in G-Dur, die vor der Sturmsonate steht und auf eine ganz merkwürdige Weise den humorvollen Beethoven zeigt. Das ist nicht der Humor Haydns, sondern eher ein Monty-Python-hafter Witz. Im ersten Satz dieser ständige Schluckauf, zum Beispiel. Da fragt man sich: Wie soll man das spielen? Soll man auf diesen Witz eingehen, oder quasi Ernst machen?

Was war der Ursprung Ihrer Beethoven-Reise?

Alpers: Natürlich hatte ich vorher schon viele seiner Sonaten gespielt. Auch wegen des Beethoven-Wettbewerbs der Telekom. Irgendwann habe ich mal während einer Zugfahrt in das Inhaltsverzeichnis meiner Ausgabe der Beethoven-Sonaten geschaut, wo die Noten der Stückanfänge abgedruckt sind, und jede, die ich schon einmal ganz oder teilweise gespielt hatte, angekreuzt. Ich war selbst ganz überrascht, wie viele es waren. Als wir dann unsere Zwillinge bekommen haben, war ich viel zu Hause und habe die Gelegenheit genutzt, auch die restlichen Beethoven-Sonaten einzustudieren.

Sie führen selbst als Moderator in die Konzerte ein. Erwarten uns da akademische Vorträge?

Alpers: Nein, nein. Ich kann zwar auch akademisch knochentrocken vortragen - manche Veranstalter mögen das ganz gerne. Grundsätzlich finde ich, dass das Publikum es verdient, dass man es ernst nimmt. Dazu gehört auch, tatsächlich auch mal Noten zu zeigen. Selbst Menschen, die keine Noten lesen können, verstehen durchaus manche Aspekte einer Partitur, wenn es zum Beispiel um aufsteigende oder absteigende Melodien geht. Ich finde auch, dass man über Form sprechen kann. Ich mache gern Architektur-Vergleiche, ziehe zum Beispiel Parallelen zum Aufbau von Schlössern oder anderen Gebäuden. Im Beethoven-Haus wird es allerdings jeweils nur kurz um die Geschichte hinter dem Abend gehen.

Für einen Laien ist es immer wieder erstaunlich, dass jemand überhaupt die 32 Klaviersonaten und noch viele Musikwerke darüber hinaus im Kopf behalten kann.

Alpers: Ich nehme das immer als Kompliment. Daraus spricht Bewunderung, und das schmeichelt einem natürlich. Aber ich spiele ja seit meiner Kindheit auswendig. Seit meine erste Klavierlehrerin einmal sagte: "Das Stück spielst du schön. Kannst du es auch ohne Noten?" Das ist eine Frage des Trainings. Je später man damit anfängt, je weniger selbstverständlich ist das. Für mich ist Soloklavier spielen damit verbunden, auswendig zu spielen.

Gibt es Beethoven-Interpreten der Gegenwart oder der Vergangenheit, die Sie als Vorbild bezeichnen würden?

Alpers: So furchtbar viele Idol-Pianisten hab' ich nicht. Aber es gibt einen, den ich sehr mag, und das ist Walter Gieseking. Aus zwei Gründen: Da ist einmal dieser besondere Klang - den möchte man wirklich klauen -, und zweitens diese Vielseitigkeit. Wenn man bedenkt, dass er völlig gegen das Empfinden seiner Zeit die französische Musik gespielt und gemocht hat. Er war darin vergleichbar mit Ravel (den ich ebenso wertschätze), nur eben umgekehrt. Ravel hatte in den 20er Jahren Schönberg nach Paris eingeladen, obwohl beide Komponisten als Soldaten des Ersten Weltkriegs Feinde gewesen waren. Gieseking ist für mich der Prototyp eines Weltbürgers.

Wie haben Sie damals die Telekom Beethoven Competition wahrgenommen?

Alpers: Ich habe hier in Bonn viele Freunde gefunden. Schon während des Wettbewerbs, wo immer sehr viele Leute mitgefiebert haben, das fand ich wirklich toll. Ich habe auch schon mehrere Hauskonzerte in Bonn gespielt und komme immer wieder gern zurück.

Aber Musik ist nicht Ihre einzige Leidenschaft. Sie fotografieren ja auch sehr gerne. Ist das Hobby oder mehr?

Alpers: Das ist wirklich Hobby. In der letzten Zeit komme ich leider weniger raus. Ich bin kein Menschenfotograf. Ich habe immer gerne Natur fotografiert. Musiker denken oft, sie brauchen außer der Musik doch gar nichts im Leben. Aber das stimmt nicht so ganz. Ich interessiere mich auch sehr für Naturwissenschaften. Wenn ich nicht Musiker geworden wäre, wäre ich in der naturwissenschaftlichen Richtung gelandet. Das ist ein Interesse, das ich mir immer bewahrt habe.

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