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Unter dem Bambusmond: Gleich zwei Jazzkonzerte in Bonn

Unter dem Bambusmond : Gleich zwei Jazzkonzerte in Bonn

Gleich zwei Jazzkonzerte gab es am Wochenende in Bonn. Eines mit Anna-Lena Schnabel und ihrem Quartett im Ortszentrum Dottendorf und eines mit Rainer Böhm und Norbert Scholly im Kammermusiksaal.

Das „Schön, dass Sie hiergeblieben sind“ direkt nach der Pause war wohl nicht so dahergesagt. Wahrscheinlich hat es Anna-Lena Schnabel schon anders erlebt. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hatten Schnabels Zuhörer im ausverkauften Ortszentrum Dottendorf nach der Pause ihre Plätze wieder eingenommen, allein, um zu erleben, wie diese atemlose, wilde, wahnwitzige Performance weitergehen würde, was diesem Ensemble, insbesondere Schnabel an Saxofon und Querflöte und Florian Weber mit präpariertem Flügel und sonstigen Instrumenten noch alles einfallen würde. Man wurde nicht enttäuscht. Das Abenteuer des ersten Sets setzte sich bruchlos fort.

Anna-Lena Schnabel (28) ist eines der ganz großen Talente der Szene – mit Wurzeln in der Bonner JazzTube 2012: Technisch perfekt, sehr differenziert an ihren beiden Instrumenten, unglaublich fantasievoll im Spiel mit Stimmungen und Effekten, eine spannende Komponistin – und ein echtes Tier auf der Bühne. Mit heftigem Staccato, Powerplay und knappen, abgehackten Soli bringt sie ihr Quartett und das Publikum auf Betriebstemperatur, gönnt sich und ihrer Umgebung mit einem geradezu ätherischen Flötensolo eine kurze Atempause, um dann gleich wieder die Zügel anzuziehen.

Impulsiv, kongenial und mit bestechender Präzision zieht ihre Band mit. Weber begeistert an einem Flügel, in dessen Korpus offenbar der gesamte Hausrat des Musikers inklusive IPhone mitscheppert – und Schnabel gruppiert die Schalen und Teller vergnügt um, um neue Effekte zu erzielen. Björn Lücker am Schlagzeug und Giorgi Kiknadze am Bass beeindrucken im Ensemble wie als Solisten.

Mit dem tänzerischen „Toy“ (und Weber am Toy-Piano), dem geradezu funkigen „Plop“, dem temporeichen „Björnout“ (Weber diesmal an der Melodica, Schnabel mit atemberaubend hartem Solo), „Drunken Books“ (erdiges, bluesiges Schnabel-Solo) sowie „Dying Swan Under the Bamboo Moon“ und „Luggage“ als fulminante Eingangskombi erklingen die schönsten Stücke der aktuellen CD „Books Bottles & Bamboo“, für die die Musikerin den Echo Jazz erhielt. Anna-Lena Schnabel entlässt ihr Publikum mit „Gute Nacht“, zartem Flötenspiel – und das Piano klingt ungewohnt rein und aufgeräumt. Intensives Ende eines furiosen Abends.

Konzert im Kammermusiksaal

Zugfahrten, Warp-Träume und Katzen bestimmen den Abend. Und klingende Saiten. Die des Flügels, der im Kammermusiksaal des Beethovenhauses schon von vielen Musikern gespielt wurde und jetzt unter Rainer Böhms Fingern zum Leben erwacht, und die von Norbert Schollys Gitarre.

Das Jazz-Duo, das im Rahmen der Reihe „Aspekte“ in dem Halbrund zu Gast ist, wartet tatsächlich mit einer eher ungewöhnlichen Besetzung auf, besteht doch oft die Gefahr, dass eines der beiden Instrumente nicht zu seinem Recht kommt.

Doch bei diesen beiden Virtuosen ist das kein Problem: Kraftvoll greift Scholly in die Saiten, geschickt setzt Böhm dem sein eigenes Spiel entgegen, und schon entsteht ein Dialog der besonderen Art, einer, der mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Dabei bieten Scholly und Böhm keine leichte Kost, auch wenn das einleitende „Warp Dream“ mit seiner hypnotisierenden Eleganz (und ohne die angesichts des Titels erwartbaren elektronischen Einflüsse) zunächst einen anderen Eindruck vermittelt. Die meisten Kompositionen erweisen sich jedoch als ziemlich abstrakt, insbesondere in den Solo-Passagen, in denen jeder für sich loszieht und sich mitunter weit von der Linienführung des Partners entfernt, nur um dann unvermittelt wieder zu diesem zurückzukommen und in die feinen Verästelungen einzusteigen, die gerade entstehen.

Themen und Melodien sind ein Startpunkt

Auffällig ist dies etwa bei einem Stück, das während einer Reise mit der Deutschen Bahn entstand und das rhythmisch überaus vertrackt ist; aber auch Schollys „El movimento de la gata negra“ erfordert sowohl von den Musikern als auch vom Publikum höchste Konzentration. Themen und Melodien sind nicht mehr als ein Startpunkt, aus denen sich alles mögliche entwickeln kann, wie auch bei dem Standard „Just One Of These Things“ offenbar wird, dem Scholly und Böhm zunächst eine Art Laiserkasten-Charme verleihen, um dann in ein wildes Meer aus Arabesken und unerwarteten Wendungen einzutauchen.

Das Publikum folgt dieser atemberaubenden Darbietung mit glänzenden Augen, zeigt sich restlos begeistert und bedankt sich mit tosendem Applaus.