222 Jahre Hänneschen-Theater Wie ein Bonner eine Kölner Institution gründete

Köln · Das Hänneschen-Theater feiert ein typisch kölsches Jubiläum: 222 Jahre. Die junge Intendantin Mareike Marx will die Tradition des Puppentheaters bewahren – und legt viel Wert darauf, dass es für demokratische Werte und Gleichberechtigung einsteht.

 Tünnes is ene Levvenskünsler: Ruhig, gutmütig, versöhnlich, hilfsbereit, einfach, geradeheraus, bäuerlich bieder, doch nicht dumm. Seine Schwäche: Schabau (Schnaps),

Tünnes is ene Levvenskünsler: Ruhig, gutmütig, versöhnlich, hilfsbereit, einfach, geradeheraus, bäuerlich bieder, doch nicht dumm. Seine Schwäche: Schabau (Schnaps),

Foto: Hänneschen-Theater

So ganz genau weiß man’s nicht, aber für eine Geburtstagsparty reicht die Überlieferung allemal. Dokumente legen jedenfalls die Vermutung nahe, dass Johann Christoph Winters im Jahr 1802 zum ersten Mal ein Puppenspiel in Köln aufführte.

Passt also für ein Jubiläum nach rheinischer Zählart. 222 Jahre Hänneschen-Theater, das offiziell „Puppenspiele der Stadt Köln“ heißt. Denn es ist das einzige Puppentheater in Deutschland, das über Jahrzehnte von der Kommune getragen wird.

Aber nicht nur deshalb muss einem um die Zukunft des Hännes­chen in der Kölner Altstadt nicht bange sein, denn es ist beliebt wie eh und je. Bei gut 98 Prozent liegt aktuell die Auslastung. Rund 61.000 Erwachsene und Kinder sahen im vergangenen Jahr die 268 Vorstellungen.

Die Gäste mögen die kölsche Sprache, aber vor allem die knorrigen Charaktere

Weder der kölsche Dialekt noch die teils sehr knorrigen Figuren schrecken also Besucherinnen und Besucher ab. Sie lieben das, was auch Intendantin Mareike Marx liebt: „Ein traditionelles Theater, das Geschichten erzählt“. Eine Bühne, die sich nur behutsam der Moderne fügt.

Die Gäste, sagt Marx, mögen zum einen die kölsche Sprache, aber ein Erfolgsgeheimnis seien natürlich auch die „Typen“, in denen ihnen der Spiegel vorgehalten werde. Typen, die teils grob geschnitzt sind in Aussehen und Charakter, und alles andere als gefällig.

„Mir ist es ein großes Bedürfnis, genau das zu bewahren, dieses auch relativ Schlichte, aber liebevoll Gemachte. Dieses Liebevolle, glaube ich, ist etwas, das wir brauchen, gerade heute, wo vieles animiert oder gar mit Künstlicher Intelligenz erzeugt wird“, sagt Marx.

So kölsch wie es nur sein kann: Bauernschläue, Herzensgüte und eher harmlose Boshaftigkeit treffen auf albernen preußischen Ordnungssinn

Die Träume, die die erst 39 Jahre alte Chefin schon als Jugendliche hatte, unterschieden sich erst auf den zweiten Blick von denen anderer Teenager. Schauspielerin werden! Aber: „Die anderen, auch die Kommilitoninnen und Kommilitonen im Schauspielstudium, wollten alle zum Film oder zum Fernsehen, aber ich wollte immer zum Theater. Ich habe schon mit 15 Bestuhlungspläne aufgestellt.“

Es ging ihr also auch damals schon um das Genre als Ganzes, nicht bloß um die Präsenz auf der Bühne. Ein eigenes Theater hat sie später, als 26-Jährige, mit dem heute noch existierenden Metropol in der Kölner Südstadt eröffnet. Damals übernahm sie das kurz vor der Schließung stehende Severinsburgtheater, in dem sie selbst bereits Stücke inszeniert hatte.

 Schäl repräsentiert den Typ „Kölner Städter“. Seine Schwäche sind Frauen und Geld. Er ist ein ungeschickter Ränkeschmied, ene fiese Möp met enem jroße Hätz.

Schäl repräsentiert den Typ „Kölner Städter“. Seine Schwäche sind Frauen und Geld. Er ist ein ungeschickter Ränkeschmied, ene fiese Möp met enem jroße Hätz.

Foto: Hänneschen-Theater

Vor eineinhalb Jahren dann der Wechsel zum Hänneschen, für das die Stadt die Intendanz ausgeschrieben hatte. Der Wechsel an den Eisenmarkt, mitten ins Herz kölscher Tradition und Identität, wo Bauernschläue und Herzensgüte, eher harmlose Boshaftigkeit und vorzugsweise alberner preußischer Ordnungssinn allabendlich auf die Bühne kommen. So kölsch wie es nur sein kann.

Wie dä Winters Schäng uss Bonn e kölsche Mädche jehierot hät

Und das, obwohl der Gründer der Puppenspiele gar kein Kölner war. 1772 in Bonn geboren, lernte der Schneidergeselle Johann Christoph Winters in seinen Wanderjahren in Flandern das Puppenspiel kennen. Um die Jahrhundertwende ließ er sich in Köln nieder, ehelichte die Tochter eines dort beheimateten Kaufmanns, zeugte drei Kinder und mühte sich, seine Familie mit ein paar Einnahmen aus dem Puppenspiel durch die Wintermonate zu bringen, wenn er in seinem Handwerk kaum arbeiten konnte. Es reichte gerade so zum Überleben.

Und doch blieb das Theater bestehen, trotz dieser und vieler weiterer Widrigkeiten. Unter anderem hatte Winters mit der Konkurrenz durch ein Puppentheater der Familie Millowitsch zu kämpfen – den Urhebern der Volkstheater-Dynastie, die im Laufe der Jahre zum Schauspiel mit echten Menschen wechselte.

Nach Winters‘ Tod im Jahr 1862 entbrannte ein heftiger Streit um die rechtmäßige Nachfolge, aus dem der Ehemann einer Enkelin des Gründers als Sieger hervorging. Dieser Peter Josef Klotz führte das Theater weiter, nach seinem Tod übernahm die Witwe.

Ein traditionelles Volkstheater, das sich kulturellen Veränderungen nicht verschließt

Zu dieser Zeit stand der Figurenkosmos schon weitgehend fest. Winters selbst war es, der schon die heute noch zentralen Figuren erfand. Hänneschen und Bärbelchen, Tünnes und Schäl und die anderen.

Trotz einiger Ortswechsel war das Hänneschen nie ein Wandertheater, sondern immer eine ortsfeste Bühne. Nach dem Tod des letzten Mitglieds der Puppenspielerfamilie im Jahr 1919 dauerte es einige Jahre, bis das Theater wiederbelebt wurde und 1926 als städtische Bühne neu startete.

Polizist Schnäuzerkowski tritt berlinerisch-zackig auf, kann sich aber nie durchsetzen. Sein Leitspruch: „Der janze Platz is verhaftet.“

Polizist Schnäuzerkowski tritt berlinerisch-zackig auf, kann sich aber nie durchsetzen. Sein Leitspruch: „Der janze Platz is verhaftet.“

Foto: Hänneschen-Theater

Von den Nazis missbraucht und im Krieg zerstört, entstand die Puppenbühne 1948 noch einmal neu und zog schließlich zurück an den Eisenmarkt, wo sie heute noch existiert. Ein traditionelles Volkstheater, das sich aber kulturellen Veränderungen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht verschließt.

Die kölsche Sprache ist nicht in Stein gemeißelt, sondern hat sich auch früher schon stets verändert

Dabei ist die kölsche Sprache gar nicht das Hauptthema für die in Köln geborene Intendantin, denn die habe sich eh immer verändert: „Was Johann Christoph Winters 1802 gesprochen hat, war auch schon etwas anderes als 1902.“ Wichtig ist ihr indes schon, dass das Theater „humorvoll für demokratische Werte einsteht“. Bei der Puppensitzung der vergangenen Session sei zum Beispiel eine klare Haltung gegen Rechts und für Gleichberechtigung sichtbar geworden.

Eine Besonderheit am Hänneschen ist auch seit jeher, dass viele der Stücke aus dem Ensemble selbst kommen. Zum Beispiel das Weihnachtsmärchen „E Jeschenk för Knolledörp“ von Heike Huhmann, die Jubiläumsgala von Silke Essert und weiteren Mitgliedern des Teams, und nicht zuletzt auch das aktuelle Stück „Hännesche em Schlaraffeland“, das die Intendantin selbst geschrieben hat.

Darin geht es um Hänneschen und Bärbelchen, die bei den sehr liebevollen, aber bettelarmen Großeltern leben und eines Tages einem zwielichtigen Händler begegnen, der ihnen von dem Land erzählt, in dem Milch und Honig fließen. Ein Familienstück, so modern und so traditionell, wie das Theaterpublikum es liebt – und die Theaterleiterin auch.

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