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Interview mit Klaus Doldinger: „Ich freue mich auf ein Wiedersehen“

Interview mit Klaus Doldinger : „Ich freue mich auf ein Wiedersehen“

Der Saxpofonist und Bandleader Klaus Doldinger sollte am Donnerstag mit seiner legendären Band Passport das Jazzfest Bonn eröffnen: mit Stücken seines neuen Albums.

Der Saxofonist und Gründer der legendären Band Passport,  Klaus Doldinger, war eigentlich eingeplant, am Donnerstag das Jazzfest Bonn zu eröffnen, als Vorgruppe hätte das Bundesjazzorchester gespielt. Die Corona-Pandemie kommt dazwischen.  Sicherlich wären im Telekom Forum auch Stücke aus dem Album „Motherhood“ zu hören gewesen, das am 8. Mai herauskommt. Über das Musikerleben in Zeiten von Corona, das neue Album und sein Verhältnis zu Udo Lindenberg sprach Doldinger mit Thomas Kliemann.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Klaus Doldinger: Ganz gut, außer, dass ich zwischendurch husten muss.

Hat aber nichts mit Corona zu tun?

Doldinger: Nein, nein. Hier in der Landluft südlich von München geht’s mir gut, alles bestens. Ich finde es ganz gut, zurückgezogen zu leben.

Für den  Donnerstag waren Sie als Eröffnungsgasst für das Jazzfest Bonn eingeplant. Das Festival wird verschoben. Wie fühlen Sie sich?

Doldinger: Das hält natürlich das kulturelle Geschehen in Bann, wenn so etwas auftaucht wie das Coronavirus. Ich hoffe sehr auf die Nachholtermine für alle abgesagten Konzerte beim Jazzfest Bonn und freue mich, meine Koleginnen und Kollegen sowie das Publikum dort wiederzusehen.

Was macht denn ein Musiker, wenn er nicht auftreten kann?

Doldinger: Er kann Stücke komponieren, auf seinem Instrument üben, vielleicht mit der Band spielen, dieses und jenes aufnehmen. Meine Kölner Agentur kümmert sich um die Termine, um Verlegungen.

Welche Perspektiven sehen Sie für das Musikbusiness, die Kultur?

Doldinger: Es ist wichtig, teilzunehmen, an dem, was geschieht, zu wissen, was Sache ist. Das war schon immer so. Ich bin Jahrgang 1936, habe vier Jahre durchleben müssen, in denen alles infrage stand. Die Nachkriegszeit war aufregend, hat mir viel gegeben. Es ging aufwärts. Eine einmalige Zeit, man hat so viel erlebt, was man gar nicht erwartet hatte. 1957 habe ich Abitur gemacht.

Zeitreise in die 1970er

Live wird man Sie wegen Corona vorerst nicht hören. Aber es gibt ja das sehr schöne neue Album „Motherhood“, das Anfang Mai erscheint. Sie greifen dabei auf zwei Platten aus den 1970er Jahren zurück, die es nur auf Vinyl gibt. Wie kam es dazu?

Doldinger: In Zeiten des technologischen Umschwungs von analog zu digital musste ich die Stücke neu aufnehmen. Stücke, die ich vor 50 Jahren aufgenommen habe, verändern sich in der heutigen Spielweise, lassen sich anders interpretieren. Sie müssen auch anders interpretiert werden. Das gilt für alle Werke aus älteren Zeiten, auch für die Klassik. Es ist spannend, sich wieder etwas neu vorzuknöpfen und daran zu arbeiten. Das ist auch ein Prinzip im Jazz.

Was haben Sie denn  in „The Motherhood“ und „Doldingers Motherhood“ neu für sich entdeckt?

Doldinger: Wir haben die alten Noten ausgedruckt und mit großer Leichtigkeit interpretiert, da verändern sich Rhythmus und Harmonie. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Die Stücke auf „Motherhood“ klingen nicht so wie aus dem Jazz-Rock oder Doldinger-Museum, sondern unheimlich frisch.

Doldinger: (lacht) Wir haben uns bei mir getroffen, ich habe die Stücke vorgespielt und dann haben wir zusammen musiziert.

Jazz in Reinkultur?

Doldinger: Ja.

Ich würde Stücken wie „Circus Polka“ oder „Soul Town“ das Etikett zeitlos anheften, obwohl sie unverkennbar 1970er Jahre sind. Da gibt es vieles neuzuentdecken. Ich denke  dabei auch an das tolle Album „Blues Happening“ mit dem Doldinger-Quartett, das es auch nur auf Vinyl gibt. Steht das auch auf ihrer Ausgrabungsliste?

Doldinger: Interessant. Ich schreibe mir das mal auf.

Und dann gibt es noch eine Reihe von Alben, die Sie unter dem Pseudonym Paul Nero aufgenommen haben. Gibt es da Stücke, die noch gehoben werden müssen?

Doldinger: Das waren sehr spontane Studioaufnahmen. Als Nero-Band sind wir nur einmal in Hamburg aufgetreten. Ich habe daraus kein großes Ding gemacht. Ich versuche jetzt lieber, neue Stücke zu erarbeiten. Meine Plattenfirma hat vorgeschlagen, eine CD nur mit mir und dem Pianisten Michael Hornig aufzunehmen.

Zurück zu „Motherhood“: Sie haben interessante Gäste auf dem Album, China Moses und Max Mutzke. Wie kamen Sie auf die Idee, beide in das Projekt aufzunehmen? Was zeichnet sie aus?

Doldinger: Mit Max Mutzke habe ich schon verschiedene Stücke im Studio gemacht, mit China Moses genauso. Ich kannte sie schon von anderen Produktionen. Sie haben sich in meinen Stücken stilistisch frei bewegen können.

Vielbeschäftigter Udo Lindenberg

Udo Lindenberg ist ein Passport-Urgestein, kurz nach der „The Motherhood“-Phase kam er als Schlagzeuger zu Passport.  In „Devil don‘t get me“ singt er englisch. Sie  verwenden  die original-Tonspur aus 1970. War er für die Neuauflage nicht verfügbar?

Doldinger: Ich bin ein mitfühlender Kollege und dachte mir: Der Udo hat so viele andere Sachen in der Planung, da wollte ich  ihn nicht so belasten. Die Tonspur von 1970 war noch sehr gut, man hörte da­rauf den Udo singen, als sei er live mit im Studio.

Lindenberg ist gut im Geschäft, Doldinger auch. Sie kennen sich gut. Tauscht man sich da aus, auch musikalisch?

Doldinger: Eigentlich so gut wie gar nicht, er geht seine eigenen Wege, so wie ich es auch tue. Udo ist ein Freigeist, da kann man nicht diskutieren. Da kommt nichts bei raus.

„Motherhood“ ist sehr jazzig, glänzt mit schönen Soli und strahlenden Bläsersätzen. Ist dieser Rückgriff ins eigener Werk für Sie eine Inspirationsquelle für zukünftige Projekte?

Doldinger: Das könnte sein, zeigt sich aber erst, wenn man das live auf der Bühne umsetzt. Drei, vier Stücke werden wir wieder in Konzerten spielen. Daraus ergibt sich Neues. „Locomotive“, „Circus Polka“ und „Wade In The Water“ haben wir ohnehin immer wieder im Konzert-Programm gehabt. Einfach, weil sie Spaß machen.

Gerade „Locomotive“ und „Circus Polka“ und einige mehr sind Stücke, die zu hundert Prozent den Passport-Sound verkörpern. Wie würden Sie selbst das seit 50 Jahren gültige Erfolgsrezept beschreiben?

Doldinger: Es hat bei mir mit Dixieland und New-Orleans-Jazz begonnen, in den 1960 habe ich mit New Yorker Musikern im „Birdland“ gespielt. Aus dieser Zeit heraus hat sich das bei mir entwickelt. Ich habe im Stil der Zeit gespielt.

Auf dem Album erleben wir Sie singend in der schönen Ballade „Turning Around“ und immer wieder mit glänzenden Saxofonsoli. Man hat das Gefühl, dass es Ihnen Spaß macht und der Ruhestand weit weg ist. Wie halten Sie sich fit?

Doldinger: Ich habe 1960 geheiratet, meine Frau liebe ich noch heute aus vollem Herzen, wir haben drei erwachsene Kinder und fünf Enkel, der Rest ergibt sich daraus.