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Karnevalskonzert im Bonner Opernhaus: Igudesman & Joo sorgen für Anarchie im Opernhaus

Karnevalskonzert im Bonner Opernhaus : Igudesman & Joo sorgen für Anarchie im Opernhaus

Das Musik-Comedy-Duo begeistert beim Karnevalskonzert des Beethoven-Orchesters das Publikum. Auch Dirk Kaftan und die Musiker des Beethoven Orchesters sind für jeden Spaß zu haben.

Wir wissen zwar nicht, ob die Maskerade von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, der bei den ausverkauften Karnevalskonzerten des Beethoven Orchesters am Freitag und am Samstag in der Bonner Oper als Bauarbeiter mit Vorschlaghammer auftrat, eine Anspielung auf das täglich schlimmer werdende Sanierungsdesaster der Beethovenhalle gemeint war. Aber immerhin ist sicher, dass angesichts der betrüblichen Zustände auf der Baustelle ein bisschen Anarchie seelenreinigende Wirkung haben kann. Vor allem, wenn sie so irrsinnig (und) lustig herüberkommt, wie am Freitagabend.

Gewährsleute dafür waren die Musiker Igudesman & Joo, die – bewaffnet mit Flügel und Violine – einen Frontalangriff gegen die schlechte Laune starteten und das komplette Beethoven Orchester mitrissen. Dass bunt kostümierte Musikerinnen und Musiker irgendwann ihre Plätze verlassen und zu folkloristischen Klängen die Beine riverdancemäßig durch die Luft wirbeln lassen, sieht man nicht alle Tage und zählt, wenn nicht alles täuscht, auch nicht zu ihren tariflich festgelegten Kernaufgaben.

„Meine Damen und Herren, und jetzt – Mozart!“, kündigt Aleksey Igudesman den ersten musikalischen Teil an. Und weil Mozart trotz seiner unzweifelhaft komischen Begabung allein nicht unbedingt schon Lacher garantiert, setzt Hyung-ki Joo am Klavier auf knallharte Konfrontation: „Nein“, sagt er, „und jetzt – James Bond!“ Dann entern beide Helden musikalisch die Bühne, der Agent ihrer Majestät und der Liebling der Götter. Schon ringen Monty Normans chromatisch vibrierende Musik aus „James Bond jagt Dr. No“ und das Thema der Sinfonie Nr. 40 in g-Moll aufs heftigste miteinander – bis beide im Chaos des lärmenden Orchesters untergehen.

Nach diesem kämpferischen folgt ein exotischer Mozart: Igudesman stimmt auf der Geige den „Türkischen Marsch“ aus der Klaviersonate in a-Moll KV 331 an. Doch Joo besteht auf A-Dur, („Wir sind in Bonn! Es ist Karneval! Das Feng Shui hier ist A-Dur!“). Igudesman spielt das Stück gehorsam in fröhlichem Dur, was Joo aber immer noch nicht reicht. Es ist ihm zu deutsch. Die Musik soll mehr türkisch-arabisch-jüdisch-chinesisch klingen, findet er. Das Wundermittel: ein b statt eines h. Kleine Ursache, große Wirkung: Die Musik fängt regelrecht Feuer, vor allem als Kaftan und das Orchester mit eingreifen und die exotischen Farben nur so schillern und funkeln lassen. Mozart hätte sich totgelacht.

Mozarts Klavierkonzert von Rachmaninow

An diesem Abend ist viel Zeit für den Salzburger. Da kündigen sie den langsamen Teil aus „Mozarts Klavierkonzert Nr. 2 von Sergej Rachmaninow“ an, was Joo auch hingebungsvoll spielt – bis es ihn überkommt, Eric Carmens an die Musik des Russen angelehnten Schmachtfetzen „All By Myself“ anzustimmen. Da kochen die Emotionen hoch und über. Es wird geschluchzt, es wird geweint, und ein völlig aus der Fassung geratener Generalmusikdirektor sucht Trost und Halt beim nächstbesten Kontrabassisten.

Die Performance von Igudesman und Joo hat etwas von Clowns, die ihre Späße auf einem Hochseil machen: Sie funktioniert nur, wenn sie ihr künstlerisches Handwerk perfekt beherrschen. Auch das an der Yehudi-Menuhin-School nahe London musikalisch trainierte Duo agiert völlig trittsicher. Joo ist ein brillanter Pianist, der selbst Rachmaninows Anforderungen gewachsen ist, und Igudesman ein wahrer Teufelsgeiger, dessen Finger rasant über das Griffbrett gleiten und dessen Bogen auf den Saiten Samba tanzt – was er an diesem Abend mehrfach eindrucksvoll demonstriert. Kein Wunder, dass er ein bisschen enttäuscht ist, als die Leute ihm just an der Stelle besonders heftig applaudieren, als er in einer „Porgy and Bess“-Parodie „Bess Is My Favorite Cow“ auf seinem Instrument das dunkle eintönige „Muh“ einer Kuh nachahmt. Igudesman: „Ich spiele seit 40 Jahren Geige. Und danach kriege ich den Applaus?“

Orden und Bützchen für Igudesman und Joo

Die Bemerkung war natürlich nur Spaß, sonst wäre es auch ein bisschen ungerecht dem Publikum gegenüber gewesen, das den ganzen Abend oft und heftig applaudierte und sogar beim „Muh“ einstimmte („Das war sehr muh-sikalisch!“, kalauerte Igudesman anerkennend). Man amüsierte sich international, von der „sehr blauen Donau“ bis nach „Uruguay“. Man erlebte Horror-Kopf-Kino und mit Ennio Morricones Musik zu Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ echte Italo-Westernspannung mit stilechten Hüten. In der Schlussnummer „Zorba the Greek“ stürmten zahlreiche Musikerinnen und Musiker zu den Klängen von Aram Khachaturians Säbeltanz die Vorderbühne und fochten mit ihren Bögen als wären sie Degen. Eine Cellistin überwältigte ihre Geigengegnerin im Kampf – etwas unfair – mit einem gezielten Stoß ihres Cellostachels.

Als danach Prinz Thomas I. und Anne-Christin I. mit Gefolge und Oberbürgermeister Ashok Sridharan auf die Bühne zogen, gab es viel Lob für die Karnevalsshow. Und Orden und Bützchen für Igudesman und Joo.