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„Lehman Brothers“ in Köln: Im Räderwerk der Raffgier

„Lehman Brothers“ in Köln : Im Räderwerk der Raffgier

Der Kölner Intendant Stefan Bachmann zeigt Stefano Massinis „Lehman Brothers“ in Kölner Schauspiel. Langer hochverdienter Beifall.

In Olaf Altmanns leeren Bühnentrichter ist vorn ein Stahlungetüm gespannt, um dessen Achse drei mächtige Hammerspeichen kreisen. Und es wird mehr als drei Stunden dauern, bis sie im Stroboskopgewitter durchdrehen und die Geisterstunde des Kapitalismus markieren.

Zwar endet Stefano Massinis Epos „Lehman Brothers“ konsequent mit dem Exitus der Großbank als Initialzündung der Finanzkrise von 2008. Doch das Stück erklärt weder Amerikas geplatzte Immobilienblase noch erwidert es das grimmige Zähnefletschen der Wall-Street-Wölfe.

Kölns Intendant Stefan Bachmann, der diese Kooperation mit dem Dresdner Staatsschauspiel dort im Juni 2015 zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht hatte, erzählt eine faszinierend allegorische Geschichte. So ist die Erfolgsstory der unterfränkischen Viehhändlersöhne, die 1845 in Amerika begann, Folie der Wirtschaftsentwicklung vom handfesten Güterhandel bis zum Jonglieren mit Derivaten und ähnlich abstrakten Produkten.

Diese analytische Familienchronik, im Original des italienischen Dramatikers und Theaterleiters mehr als 240 Seiten lang, bekommt Bachmann zwischen Poesie und Ironie glänzend in den Griff. Alles beginnt wie ein biblischer Mythos in schlichtem Legendenton. Hayum (später Henry) Lehman(n) ist „der Kopf“, Emanuel „der Arm“, und Mayer gilt als unbrauchbare „Kartoffel“ des Brüdertrios. Anfangs handeln diese Gründerväter mit Baumwolle, doch bald schöpfen sie als „Mittler“ den Rahm bei An- und Verkauf aller möglichen Güter ab. Bis Geld ihre einzige Ware wird.

Souverän atmet der Abend zwischen Distanz und Verdichtung. Einerseits erzählen die Figuren oft in der dritten Person von sich und beschwören rein verbal Textilfabriken voll ratternder Webstühle. Andererseits entstehen wie aus dem Nichts starke Bilder: der Kreidenebel des Baumwollmarkts oder der Bürgerkrieg als Scherenschnitt vor Feuersbrunstkulisse.

Und wie die (anfangs) tief religiösen Lehmans sterben: Langsam entkleiden sie sich, legen ihre Sachen zusammen und treten ab. Solch heiligen Ernst kontert die Regie mit köstlicher Komik (Emanuels Brautwerben!) und ändert in jedem der drei Teile Tempo und emotionale Temperatur: Mit Philip Lehman (Jörg Ratjen) werden die Anzüge greller, die Bandagen härter, doch es dauert nicht lange, da wirft ihn der geckenhafte Polo-Spieler Bobbie (Philipp Lux) aus dem Sattel. Für diesen zwischen Arroganz und Panik zappelnden Banker sind die Selbstmordschüsse der Börsenhändler beim Crash am 24. Oktober 1929 der Salut seines Comebacks – und solche genialen Überblendungen gelingen Bachmann mehrfach.

Immer schneller treibt es die Lehmans durch Amerikas Geschichte, vorbei an Pearl Harbor, Hollywoods „King Kong“ und Vietnam. Und das aus Kölner und Dresdner Schauspielern gemischte Ensemble darf man getrost „Die glorreichen Sieben“ nennen. Keiner ohne Doppel- oder Mehrfachrolle, jeder trefflich besetzt.

Thomas Müller zeigt erst Henrys asketische Würde, dann Herberts eitle Politikerpose, Torsten Ranft beeindruckt insbesondere als aufbrausender Emanuel und Ahmad Mesgarha als charmant-versponnener Mayer. Sascha Göpel darf ebenso Männlein und Weiblein verkörpern wie Simon Kirsch, der als ruchloser Trader-Flegel Lewis Glucksman den Sargdeckel auf die Familiengruft schmettert. So spiegelt dieses kalkuliert-enthemmte Finale den Amoklauf der Raffgier brillant. Und zum bitterbösen Schluss lachen sich die Lehmans im Jenseits über die Idee scheckig, man könnte den Leichen der Wall Street heute noch ein Kaddisch nachrufen. Der Rest ist langer, hochverdienter Beifall.

3½ Stunden, zwei Pausen. Wieder am 10. 4., 16 Uhr und 19. 4., 19 Uhr. Karten-Tel.: (0221) 221 28400.