Walter Hinck mit 93 Jahren gestorben Im Wechsel der Zeiten

BONN · Das gibt es ganz selten in Deutschland: einen führenden, Maßstäbe setzenden Germanisten, der es versteht, das Zeitungspublikum zu belehren - und zu unterhalten. Der Kölner Germanist Walter Hinck, der am vergangenen Freitag im Alter von 93 Jahren in Landau in der Pfalz gestorben ist, war ein bedeutender Literaturwissenschaftler und ein wirkungsvoller Kritiker.

 Walter Hinck, aufgenommen im Jahr 1995.

Walter Hinck, aufgenommen im Jahr 1995.

Foto: Brigitte Friedrich

Er konnte Literatur analysieren und selbst produzieren, schrieb Erzählungen, einen Erinnerungsband und biografische Skizzen. Der Liebhaber und ausgewiesene Kenner des Theaters war nicht im Elfenbeinturm zu Hause, immer wieder sah man ihn im Schauspiel, zum Beispiel im Kölner Theater.

Walter Hinck wurde am 8. März 1922 in Selsingen (Niedersachsen) geboren. 1956 promovierte er in Göttingen. 1957 bis 1962 war er wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Deutsche Philologie in Göttingen. 1964 folgte die Habilitation an der Universität Kiel. 1964 bis 1987 war Hinck Professor für Neuere deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln.

Der Zeit der Aufklärung, Büchner, Heine, Brecht und dem Drama habe sein besonderes Augenmerk während seiner wissenschaftlichen Karriere gegolten, stellte sein Bonner Kollege Peter Pütz 1998 fest. 2011 veröffentlichte Hinck bei Reclam "Gesang der Verbannten. Deutschsprachige Exillyrik von Ulrich von Hutten bis Bertolt Brecht". Der Autor beginnt mit Huttens "Ich habs gewagt mit sinnen" und spannt den Bogen seiner Darstellung bis zur Rückkehr Bertolt Brechts aus dem Exil im Jahr 1948.

"Lehren ohne Schüler / Schreiben ohne Ruhm / ist schwer", schrieb Brecht in einem seiner von Walter Hinck analysierten Gedichte. Hinck beschreibt am Beispiel von Autoren wie Alfred Gong, Günter Anders, Michael Hamburger und vor allem natürlich von Paul Celan, wie die Erfahrung von Isolation und Sprachnot ihr Werk geprägt hat.

Hinck legte eine vorzüglich lesbare, knappe und dennoch detailreiche Darstellung vor - im besten Sinne ein Alterswerk: Hier trug ein Literaturwissenschaftler den Ertrag jahrzehntelanger Forschungen zusammen. Das galt für das Thema insgesamt und für die beiden Autoren, denen Hinck einen großen Teil seines Lebenswerks gewidmet hat und denen in seinem neuen Buch eigene Schwerpunktkapitel gelten - eben Heine und Brecht.

In anderer Hinsicht ließ Walter Hinck seine Leser 2011 auch mit "autobiografischen Skizzen" am Ertrag seines langen Lebens teilhaben. Das Büchlein "Jahrgang 1922" (Bouvier Verlag) ersetzte keine Autobiografie - eine solche hatte Hinck mit dem an Brecht gemahnenden Titel "Im Wechsel der Zeiten - Leben und Literatur" (Bouvier Verlag) 1998 vorgelegt -, sondern es handelte sich tatsächlich um Skizzen, weitgehend gestützt auf die eigene Erinnerung, für deren "letzte Zuverlässigkeit" Hinck freilich nicht bürgen konnte.

Es waren Erinnerungen an Kriegserfahrungen, die Hinck zum Teil bis in seine Träume hinein verfolgt haben, aber es gab auch durchaus amüsante Passagen: Hincks Auftritt als Klarinettenspieler in einem Curd-Jürgens-Film.

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