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Letzte Konzerte von Stefan Blunier in Bonn: Immenser Klangtaumel

Letzte Konzerte von Stefan Blunier in Bonn : Immenser Klangtaumel

Er lässt es noch mal so richtig krachen. Stefan Blunier, Bonns scheidender Generalmusikdirektor, dirigiert in seinen letzten Konzerten in der Beethovenhalle das, was er offenbar besonders schätzt oder was ihm besonders am Herzen liegt: Spätromantik in möglichst riesiger Besetzung.

Der Ertrag solcher Bemühungen steht dabei nicht immer in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand. Das ließ sich im Freitagkonzert ziemlich gut am einleitenden „Festlichen Präludium“ vom Richard Strauss abhören: Außer immensem Klangtaumel – unter anderem Orgel, acht Hörner, zehn Trompeten und vier Posaunen – bleibt da nicht viel hängen.

Strauss hat dieses Präludium 1913 zur Einweihung des neuen Wiener Konzerthauses geschrieben, später wurde es auch schon mal zur Ausschmückung mancher NS-Feierlichkeiten missbraucht. Wie auch immer: Trotz einiger harmonischer Raffinessen macht das Werk nicht unbedingt einen überzeugenden Eindruck. Blunier dirigierte die orchestrale Protznummer ohne Angst vor klanglichen Exzessen, manchmal schien es so, als wolle man – Jericho lässt grüßen – die Beethovenhalle zum Einsturz bringen. Die Heavy-Metal-Ekstatik dieser Musik führt wahrscheinlich jeden Konzertsaal an seine akustischen Grenzen – und den in Bonn erst recht.

Ganz anders sah es mit der 2. Sinfonie von Franz Schmidt (1874-1939) aus, einem raren Werk im heutigen Konzertbetrieb, für das der Komponist ebenfalls eine außerordentlich große Besetzung verlangt, aber damit wesentlich sensibler umgeht als Strauss in seinem Präludium. Schmidt, von dem das Beethoven Orchester unter Blunier bereits die 4. Sinfonie eingespielt hat, kann unschwer als Beweis dafür gelten, das Österreich auch nach Gustav Mahler sinfonisch noch etwas Besonderes zu bieten hatte.

Vom Handwerk her ist die Sinfonie ohnehin ein Meisterwerk: Sonatenform, Fuge, Variationen, Choral – das alles wird hier höchst kunstvoll miteinander verwoben. Dazu kommen hinreißende melodische Erfindungen und kluger Sinn für dramatisches Auf und Ab. Blunier, ganz überlegener Klangstratege, ließ sich auch nicht einen Effekt dieser Sinfonie entgehen, schuf faszinierende Übergänge und sinnvolle Tempowechsel, das Orchester der Beethovenhalle folgte ihm dabei mit großer Leidenschaft. Geradezu in Entzücken versetzte vor allem der zweite Satz; die Variationen gerieten zu einer Folge von schön konturierten Charakterstücken: spukhaft und schwelgerisch, tänzerisch und draufgängerisch. Besser kann man das Plädoyer für eine fast vergessene Sinfonie nicht führen – die Begeisterung im Publikum war dementsprechend groß.

Zwischen der Kraftmeierei von Strauss und der Klangpracht von Schmidt gab es aparterweise eine Haydn-Sinfonie zu hören, die Nr. 22 mit dem Beinamen „Der Philosoph“. Das war – in kleiner Besetzung – natürlich ein bisschen Erholung für die Ohren, aber auch ein hübsch geistreiches Vergnügen. Blunier und die Seinen kehrten den altväterlichen Charme des ersten Satzes mit beharrlicher Eleganz heraus, und wo in dieser Sinfonie Presto draufsteht, war auch Presto drin: Das Ganze hatte ordentlich Geschwindigkeit, Akkuratesse und Feinsinn.