Intendant des Kleinen Theaters feiert 80. Geburtstag

Lessings "Nathan" hat eine Vision: dass nicht die Religion den Menschen ausmache. Dass es für den inneren Wert gleichgültig sei, ob einer Jude, Christ oder Muselmann ist. Die Konkurrenz der Religionen betrachtet der weise Jude Nathan als Mit-, nicht als Gegeneinander.

Intendant des Kleinen Theaters feiert 80. Geburtstag
Foto: Friedhelm Schulz

Bonn. Lessings "Nathan" hat eine Vision: dass nicht die Religion den Menschen ausmache. Dass es für den inneren Wert gleichgültig sei, ob einer Jude, Christ oder Muselmann ist. Die Konkurrenz der Religionen betrachtet der weise Jude Nathan als Mit-, nicht als Gegeneinander: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!", empfiehlt er, und zwar mit "herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, / Mit innigster Ergebenheit in Gott".

Eine sympathische Vorstellung. Lessings klassisches Aufklärer-Drama hat den Bonner Theatermacher Walter Ullrich immer wieder beschäftigt. Ullrich, der heute 80 wird, steht ab Sonntag wieder als Nathan auf der Bühne seines Kleinen Theaters in Bad Godesberg. 2001 verkörperte er ebenfalls die Idee der Humanität und Toleranz.

Sein Nathan war weise und nachdenklich, aber auch, kaum merklich, gezeichnet von Melancholie und sorgenvoller Skepsis; dieser Mann kannte das Leben und die Menschen. Mit jeder neuen Aneignung der Rolle hat Ullrich seiner Figur etwas hinzugefügt; ganz fertig wird er mit dem Nathan wohl nie.

Info Karten für Aufführungen im Kleinen Theater Bad Godesberg unter der Rufnummer: (02 28) 36 28 39.Walter Ullrich weiß saftige Rollenangebote zu schätzen. 1995 spielte er den Salieri in Peter Shaffers "Amadeus" im Kleinen Theater. Ullrich legte den auf Mozart eifersüchtigen Komponisten als komplexe Persönlichkeit an. Gewiss, er hatte die besten Bonmots in seinem Text, er wandte sich in witzigen Ansprachen direkt an seine Komplizen im Parkett.Doch gleichzeitig drückte er die Tragik eines Mannes aus, der zeitlebens darum gekämpft hat, Gott mit seiner Musik zu dienen. Er erkennt die eigene Unzulänglichkeit und, als einer von wenigen, das Genie des infantilen Wundermusikers Mozart. Ein starker Auftritt des schauspielenden Intendanten.

Die Verdienste Ullrichs für die Bonner Bühnenlandschaft sind schon oft besungen worden. 2008 feierte er ein halbes Jahrhundert als Intendant des Kleinen Theaters. "Solch einen Typ wie mich gibt's nicht mehr", sagte Walter Ullrich bei dieser Gelegenheit. Und er hatte natürlich recht. Seine Rekordmarke von mehr als 50 produktiven Jahren als Schauspieler, Regisseur und Theaterchef in einer Person wird kein Konkurrent mehr übertreffen.

Ullrich, geboren in Mönchengladbach, kommt aus einer Theaterfamilie. In seinem Beruf ist ihm nichts fremd geblieben, Theorie und Praxis beherrscht er aus dem Effeff, im Großen wie im Kleinen. 1958 eröffnete er im Keller des Hauses Ubierstraße 2 in Plittersdorf sein eigenes Kleines Theater. "Sieben Schauspieler spielen vor 89 aufpolierten Stühlen", hieß es damals in der Zeitung.

Ullrich hatte zu diesem Zeitpunkt schon einige Theater-Stationen hinter sich: Engagements in Halberstadt, Lüdenscheid, Hagen, Wuppertal und Aachen. Was zumindest einen Vorteil hatte, wie er später feststellte: "Ich bin in Zeiten der Not groß geworden beim Theater." Da lernt man nicht nur schauspielern, sondern auch wirtschaften.

Von den Theatern hat er seit langer Zeit schon zwei. Zum Kleinen Theater, das 1970 in sein neues Domizil, das ehemalige Bürgermeisterhaus am Godesberger Stadtpark umzog, kam 1979 das Landestheater Rheinland-Pfalz in Neuwied hinzu. "Solange der Beruf Spaß macht", wolle er weitermachen, sagte Ullrich 2008. Am Sonntagabend ist es wieder soweit: In Stephanie Jänschs Inszenierung des "Nathan" spielt Ullrich die Titelrolle. Und wieder wird er der Figur etwas hinzufügen.

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