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Internationale Stummfilmtage Bonn: Infos, Filme und Programm

Bonner Filmfestival : Ein Blick ins Programm der Internationalen Stummfilmtage

Detektive, Wachsfiguren und jede Menge starke Frauen: Am 12. August beginnen die Internationalen Stummfilmtage in Bonn. Welche Werke lohnen sich besonders? Ein Blick ins Programm.

Die cineastische Zeitreise beginnt erneut: Am 12. August starten die Internationalen Stummfilmtage in Bonn, wie gewohnt im Innenhof des Universitäts-Hauptgebäudes, wie gewohnt mit zahlreichen frischen Restaurierungen, wie gewohnt untermalt mit exzellenter Live-Musik. Also alles wie üblich? Ja. Und nein. Denn im zweiten Sommer der Corona-Pandemie ist längst nicht alles normal und vor allem vieles neu. Das Format bleibt bestehen – doch die Akteure haben sich geändert. Und das merkt man.

Vor allem hinter den Kulissen der Stummfilmtage hat sich einiges getan. Zwar ist der Förderverein Filmkultur Bonn weiterhin Veranstalter, die künstlerische Leitung ist allerdings vom Festivalgründer Stefan Drößler auf die beiden Filmwissenschaftler Eva Hielscher und Oliver Hanley übergegangen. Das Duo, das mit dem Filminstitut und Filmmuseum Frankfurt (DFF) zugleich einen neuen Kooperationspartner ins Boot geholt hat, will nun mit eigener Handschrift glänzen. Die dürfte vor allem Liebhabern des Genres gefallen: Im diesjährigen Programm finden sich Namen wie Conrad Veidt, der durch „Das Cabinet des Dr. Caligari“ berühmt wurde; der charismatische, wegen seines Antisemitismus allerdings umstrittene Werner Krauß; und Emil Jannings, der als Erster den Oscar als bester Hauptdarsteller erhielt (und bis heute der einzige Deutsche ist, dem diese Auszeichnung verliehen wurde).

Alle drei wirken in der expressionis­tischen Phantasmagorie „Das Wachsfigurenkabinett“ mit (13. August). Auch der Stummfilm-Komiker Harold Lloyd, dessen Name mitunter in einem Atemzug mit Charlie Chaplin und Buster Keaton genannt wird, erscheint auf der Leinwand. Gleichzeitig verzichten Hielscher und Hanley auf die besonders populären Titel jener Zeit, die in der Vergangenheit immer ein Gegengewicht zu den cineastischen Raritäten bildeten. Wer sich jedoch auf die Filme einlässt, kann so einige Überraschungen erleben.

Einen Schwerpunkt scheint es auf jeden Fall zu geben: Starke Frauen spielen in vier der gezeigten Werke eine Hauptrolle. Am deutlichsten wird dies am Auftaktabend mit der schwedischen Emanzipationsgeschichte „Mädchen im Frack“, in der die junge Katja im Anzug ihres Bruders zum Abschlussball geht und damit einen Skandal auslöst. Die traditionellen Geschlechter­bilder stehen Kopf, und das mit Erfolg.

500 Besucher sind im Innenhof der Bonner Uni zugelassen

 Süße Versuchung: Harold Lloyd und Ann Christy in der Komödie „Speedy“. Zu sehen am 16. August bei den Stummfilmtagen.
Süße Versuchung: Harold Lloyd und Ann Christy in der Komödie „Speedy“. Zu sehen am 16. August bei den Stummfilmtagen. Foto: 2001 SNOWBOUND/Harold Lloyd Entertainment, Inc., Los Angeles

Ähnlich fortschrittlich in der Thematik erweist sich „Frauen, die nicht heiraten sollten“ über eine erfolgreiche Ärztin, die zwischen ihrer Karriere und ihrer Ehe hin und hergerissen ist. Der Film mit Esther Carena ist eines der beiden Melodramen, die am 20. August während eines Diven-Abends gezeigt werden – der italienische Klassiker „Blume des Bösen“ dient dabei als Gegenpart, steht hier doch eine arme Prostituierte (Lyda Borelli) im Mittelpunkt, die ihr uneheliches Kind verlässt und Zeit ihres Lebens von Schuldgefühlen verzehrt wird. Und dann wäre da noch Angie Taylor: Keine Schauspielerin, sondern eine Musikerin, die bei „Die Entführung des Bankiers Fux“ erstmals bei den Stummfilmtagen auftreten darf und dabei mindestens eine, wahrscheinlich aber eher einen ganzen Strauß an neuen Klangfarben beisteuern wird. Die E-Bassistin und DJane soll die chaotische Krimikomödie um den vermeintlichen Meisterdetektiv Sherlock Holmes II mit elektronischen Beats und verzerrten Vokal-Einlagen unterlegen; es dürfte die mutigste und spannendste Entscheidung von Hielscher und Hanley sein.

Die Musik spielt bei den Internationalen Stummfilmtagen seit jeher eine zentrale Rolle. Künstler wie die Pianisten Stephen Horne, Neil Brandt und Günter A. Buchwald oder auch die Violinistin Sabrina Zimmermann sind seit Jahren nicht mehr aus dem Arkadenhof wegzudenken; ähnliches gilt inzwischen für Richard Siedhoff. Das künstlerische Leitungsduo zeigt sich nicht zuletzt in diesem Bereich aber offen für spannende Experimente und hat neben Angie Taylor auch den Akkordeonisten Daniel Stetich sowie das Cello-Duo Cellophon (Paul Rittel und Tobias Stutz) eingeladen. Die Live-Einspielungen werden dabei zum Teil aufgezeichnet, um sie zusammen mit den entsprechenden Filmen für 48 Stunden nach Ausstrahlung bei den Stummfilmtagen online zur Verfügung zu stellen; in anderen Fällen enthält der Stream eine alternative Tonspur. Insofern kann es sich mitunter lohnen, einen Film gleich zweimal anzuschauen.

Für viele wird das Online-Angebot ohnehin die einzige Möglichkeit sein, die gezeigten Werke zu sehen, da aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen lediglich 500 statt der sonst üblichen 1500 Besucher in den Arkadenhof kommen können. Nur wer frühzeitig kommt, hat also eine Chance auf einen der begehrten Plätze und kann die besondere Atmosphäre erleben, die die Stummfilmtage in Bonn so sehr auszeichnen. Und wer weiß, ob es im kommenden Jahr noch die Gelegenheit dazu geben wird: Immerhin soll das Hauptgebäude in naher Zukunft grundlegend saniert werden, zehn bis 15 Jahre können die Arbeiten dauern. Die geisteswissenschaftliche Fakultät wird bereits im Mai umziehen. Inwiefern der Arkadenhof danach noch genutzt werden kann, ist derzeit ungewiss. Zumindest mittelfristig wird sich das neue Team der Stummfilmtage auf jeden Fall einen neuen Spielort suchen müssen.