Interview mit Walter Möbius Tiere haben eine heilsame Wirkung auf den Menschen

Bonn · Der Arzt und Schriftsteller erzählt über die ebenso vielfältigen wie hilfreichen Bande zwischen Mensch und Tier. Und eine ganz persönliche Tiergeschichte.

Ein großes Herz für Menschen – und Tiere: Walter Möbius.

Ein großes Herz für Menschen – und Tiere: Walter Möbius.

Foto: Walter Möbius

Der Arzt und Schriftsteller Walter Möbius und die ehemalige Lehrerin und Schulbuchautorin Armgard Beran erzählen in ihrem Buch „Ziemlich beste Helfer“ von der heilsamen Wirkung der Tiere auf Menschen. „Das Buch beruht auf gemeinsamen Erfahrungen und Berichten, die meine Co-Autorin und ich in den Jahrzehnten unserer beruflichen Tätigkeit gesammelt haben. In der Corona-Krise hatten wir endlich Zeit, unser schon lange geplantes Projekt zu verwirklichen“, sagt Möbius dazu im Gespräch mit Michael Reinhard.

In Ihren Fall-Erzählungen nehmen überwiegend Kinder und Jugendliche tierische Helfer in Anspruch. Wie kam es zu diesem Schwerpunkt?

Walter Möbius: Das liegt natürlich im Wesentlich daran, dass hier eine Lehrerin und ein Arzt oft auch beruflich zusammengearbeitet haben. Zum Beispiel hat die Corona-Pandemie gezeigt, wie Kinder und Jugendliche starken psychischen Belastungen ausgesetzt waren. In unserer Geschichte „Hühner in Corona-Zeiten“ wird von einer Familie erzählt, deren Kinder, die im Lockdown waren, erst wieder zu einem geregelten Tagesablauf fanden, nachdem Hühner angeschafft worden waren. Diese wurden von ihnen im eigenen Garten versorgt. Die Übernahme von Verantwortung gegenüber Lebewesen ist für Kinder eine wertvolle, lehrreiche Erfahrung.

Werden die positiven Effekte von Tieren in der Therapie psychischer oder physischer Auffälligkeiten oder Krankheiten von der Schulmedizin unterschätzt?

Möbius: Die sogenannte Schulmedizin kommt auch irgendwann an ihre Grenzen. Das habe ich in meiner Zeit am Johanniter-Krankenhaus selbst oft erlebt und deshalb alternative Heilverfahren immer akzeptiert. Kranke brauchen unbedingt sozialen Austausch. Emotionale Bindungen sind im Heilungsprozess sehr wichtig. Dass Tiere dabei eine bedeutende Rolle spielen können, haben übrigens schon englische Mönche im 18. Jahrhundert herausgefunden. Sigmund Freud wusste um die beruhigende Wirkung seines Hundes Yofie auf seine jungen Patienten, weshalb dem Chow Chow ein Ehrenplatz in Freuds Praxis zukam. Welchen großen Einfluss Tiere auf den Krankheitsverlauf haben können, ist mir oft an einer älteren Patientin vor vielen Jahren aufgefallen. Die Hälfte des Therapieerfolges war meistens schon gewonnen, wenn Haustierbesitzer sicher sein konnten, dass sich um ihren Hund, ihre Katze oder ihren Kanarienvogel liebevoll gekümmert wurde, während sie selber bei mir im Krankenhaus lagen.

In einer Ihrer Geschichten berichten Sie von einer Schneckentherapie für Autisten. Wie viele therapeutische Verfahren mit Tieren gibt es eigentlich?

Möbius: Es gibt erstaunlich viele Verfahren, Tiere in der Therapie einzusetzen. Bekannt zum Beispiel sind natürlich Blindenführhunde oder Hunde, die eine Über- oder Unterzuckerung bei Diabetes anzeigen. Unsere Geschichte dazu: „Die rettende Pfote“. Doch es gibt auch tiergestützte Therapien, in denen Pferde, Fische, Lamas und viele mehr als Medium eingesetzt werden.

Sind Menschen, die eine Beziehung zu einem Tier unterhalten, krisenfester oder vielleicht sogar gelassener als Menschen, die keinen Umgang mit Tieren haben?

Möbius: Ja, ganz bestimmt. Das hat einen einfachen Grund. Das Tier sorgt für Bewegung und einen strukturierten Tagesablauf und das führt automatisch zu einer gesünderen Lebensweise. In einer meiner Fall-Geschichten berichte ich von Rainer, einem Mann Mitte fünfzig, der unter Depressionen und Einsamkeit litt. Nach seinem zweiten Herzinfarkt musste Rainer seinen stressigen Beruf aufgeben und in Frühpension gehen. Sowohl die Depression als auch die Einsamkeit konnte Rainer durch die freundschaftliche Beziehung zu seinem Golden Retriever, Paul, überwinden. Mittlerweile hat sich sogar Rainers Herzschlag beruhigt und er verfügt über eine für seine Verhältnisse stabile körperliche Gesundheit. Diese erfreuliche Entwicklung hat Rainer dem gemeinsamen Leben mit Paul zu verdanken. Neben den langen Spaziergängen am Morgen und Abend ist es aber auch das existenzielle Bedürfnis nach Berührung, das hier eine Rolle spielt. Wie wir wissen, beugen körperliche Nähe und das Berühren einer Depression vor und helfen in der Therapie gegen diese Beeinträchtigung.

Wie Tiere das Leben schöner machen können, beschreiben Walter Möbius und Armgard Beran in ihrem neuen Buch "Ziemlich beste Helfer".

Wie Tiere das Leben schöner machen können, beschreiben Walter Möbius und Armgard Beran in ihrem neuen Buch "Ziemlich beste Helfer".

Foto: Herder Verlag

Kann man von Tieren etwas lernen?

Möbius: Unbedingt: Tiere haben eine bewundernswerte Eigenschaft: Egal, ob wir jung sind oder alt, reich oder arm, sie nehmen uns so, wie wir sind. Wenn wir von dieser Loyalität und Toleranz etwas übernehmen könnten, hätten wir im Zusammenleben viel gewonnen.

Weshalb behandeln wir Tiere eigentlich so unterschiedlich? Während viele Haustiere ein gutes Leben führen, fristen sogenannte Nutztiere in der Massentierhaltung ein unwürdiges Dasein und werden sehr oft aufs Schwerste misshandelt.

Möbius: Da sprechen Sie ein Riesenthema an. In unserer Geschichte „Das Wunder von Manderscheid“ wird es kurz thematisiert. Auf dem Bauernhof in der Eifel, idyllisch gelegen, befand sich ein vollautomatischer Kuhstall, in dem über 220 Kühe untergebracht waren. Der Bauer erklärte uns: „Früher konnten wir von 27 Kühen leben, heute reichen die 220 Kühe kaum.“ Ich glaube, das sagt alles.

Zum Abschluss unseres Gesprächs erlauben Sie mir vielleicht eine etwas persönlichere Frage. In Ihrer Kindheit haben Sie auf dem Gutshof Ihres Onkels das Reiten für sich entdeckt. Gehört das Pferd zu Ihren Lieblingstieren?

Möbius: Eine besonders enge Bindung habe ich persönlich zu klassischen Haustieren wie Katze und Hund, doch meine Co-Autorin besaß Pferde und war eine begeisterte Reiterin. Wegen des Studiums, Sport und anderen Aktivitäten hatte ich keine Zeit mehr fürs Reiten. Die tiefe Bewunderung für die Schönheit von Pferden habe ich mir aber bewahrt.

     Prägend für mein starkes Interesse an Tieren war vor allem ein Ereignis in meiner Kindheit während des Zweiten Weltkriegs. Ich verbrachte damals im Zuge der Kinderlandverschickung längere Zeit auf einem schlesischen Bauernhof und zog ein junges Gänseküken auf. Das Küken folgte mir überall hin und verteidigte mich später, als es bereits ausgewachsen war, vor einer Bande jugendlicher Raufbolde. Das war sehr mutig. Seitdem hat mich die Faszination für Tiere nicht mehr losgelassen.

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