"Tanzhuren - Eine Bilanz" Karel Vaneks neues Stück auf der Bühne der Brotfabrik

Beuel · Was wollen die Leute sehen? Was kriegen sie für ihr Geld? Was sind die Tänzer bereit zu geben? In seinem neuen Stück "Tanzhuren - Eine Bilanz" geht Choreograf Karel Vanek der Frage nach, was zeitgenössischer Bühnentanz mit Prostitution zu tun hat.

 Szene aus "Tanzhuren" von Karel Vanek.

Szene aus "Tanzhuren" von Karel Vanek.

Foto: Meike Lindek

Scheinbar eine ganze Menge: Drei Tänzer stehen auf der Bühne der Brotfabrik. Gabriel Wong, Erica Winkler und Lucia Kasiarová, alle drei haben sie in ihrer Tanzkarriere Erfahrungen mit dem tänzerischen "Anschaffen" gemacht, ihre Körper zur Schau gestellt, vieles getan, was beim Publikum gut kommt.

Jetzt machen sie ihre Bilanz zum Thema der Aufführung und blicken zurück auf Posen, Nummern und Verrenkungen, mit denen sie sich möglichst gut verkauft haben - auch wenn sie keine Lust dazu hatten. Sie tragen eng anliegende Leggings mit aufgedruckten Knochen, Muskeln und Sehnen, die das Publikum vom ersten Augenblick an mit der Anklage des Voyeurismus konfrontieren.

Sie erzählen, live oder mit O-Tönen aus dem Off, ihre Geschichte. Für ihre Zuschauer machen sie sich zum Affen, wechseln zwischen einstudierter Pose und getanztem Überlebenskampf, lassen Situationen ihres Lebens Revue passieren, in denen das Lächerliche und die nackte Gewalt ganz nah beieinander liegen.

Das Publikum lacht und leidet, gafft und reflektiert; auf gar keinen Fall darf es sich dabei immer ins schützende Dunkel zurückziehen: Plötzlich geht das Saallicht an, und die "Tanzhuren" nehmen direkten Kontakt zu ihren "Freiern" auf, werfen den schaulustigen Blick zurück und verlangen Antworten von denen, die einfach nur gucken wollen und dafür bezahlt haben.

Im Unterschied zum klassischen Ballett arbeitet der zeitgenössische Tanz nicht nur mit der Ästhetik des Körpers, sondern auch mit Seelen-Striptease, und es ist auch dieses Klischee der Selbstentblößung, das Karel Vanek und Dramaturg Guido Preuß gekonnt auf den Prüfstand stellen.

Der Soundtrack der Inszenierung unterbricht die O-Ton-Bekenntnisse mit Fernöstlichem sowie elektronisch erzeugten Klängen, die sich mit schneidenden Repetitionen mitunter schmerzhaft ins Trommelfell bohren: Auch hier wird das Gewaltpotenzial der Schaulust sinnfällig.

Wenngleich das Stück durch seine distanzierte Tanzreflexion die sinnliche Unmittelbarkeit der tänzerischen Bewegung in Frage stellt - so ganz können die "Tanzhuren" ihr verführerisches Wesen nicht ablegen. Gabriel Wong, Erica Winkler und Lucia Kasiarová dekonstruieren ihre Kunst mit so viel Körperbeherrschung und Ausstrahlung, dass der Abend nicht nur wehtut, sondern auch Spaß macht. Ist ja auch das Mindeste: Schließlich haben wir dafür bezahlt.

Eine weitere Aufführung am Sonntag. 28. April um 12 Uhr in der Brotfabrik. Karten unter der Rufnummer 0228/421310

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