Kino in Bonn Kinostarts der Woche

BONN · Eine deutsche Komödie auf höchstem Niveau, das Thema Sterbehilfe und eine irische Leidensgeschichte: Wir haben die Kinostarts der Woche zusammengefasst.

 Kostja Ullmann als homosexueller Frisör Tom Herzner und Aylin Tezel als Kollegin Heidi in einer Szene aus "Coming In". Klischees und gegenseitige Vorurteile werden den Figuren (und dem Publikum) lustvoll um die Ohren gehauen.

Kostja Ullmann als homosexueller Frisör Tom Herzner und Aylin Tezel als Kollegin Heidi in einer Szene aus "Coming In". Klischees und gegenseitige Vorurteile werden den Figuren (und dem Publikum) lustvoll um die Ohren gehauen.

Foto: Summerstorm Entertainment GmbH/W

"Coming In"

Für Frauen gibt es keine Termine bei Tom Herzner (Kostja Ullmann). Der Berliner Starfrisör schneidet nur Männer und ist als stadtbekannter Homosexueller die Galionsfigur der örtlichen Schwulenszene. Aber nun - so fordern die internationalen Investoren - soll seiner erfolgreichen Herrenhaarpflegeserie auch ein Damenshampoo aus dem Hause Herzner folgen. Ab geht es zur Weiterbildung vom schicken Gendarmenmarkt ins tiefste Neukölln, wo Heidi (Aylin Tezel) einen Frisörsalon betreibt.

Dort soll sich Tom unter dem Decknamen Horst undercover mit der Bedürfnislage des anderen Geschlechts vertraut machen. Zugegeben: die erzählerische Anfangsprämisse von "Coming In" wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen, aber was Regisseur und Drehbuchautor Marco Kreuzpainter daraus entwickelt, ist eine der unterhaltsamsten romantischen Komödien, die das deutsche Kino in den letzten dürren Jahren hervorgebracht hat. Der Film nimmt nicht die verklemmt-tolerant-lustige Haltung gegenüber Schwulen ein, die im deutschen Kino seit "Der bewegte Mann" zum Standard geworden ist.

Völlig unangestrengt installiert der Regisseur die schwule Szene als innerfilmische Dominanzkultur, um deren Selbstverständnis durch eine romantische Grenzüberschreitung kräftig durchzuschütteln.

Im Zentrum der Handlung bleibt dabei jedoch das klassische Romeo&Julia-Motiv einer scheinbar unmöglichen Liebe, der der Kulturkampf zwischen homo- und heterosexueller Welt die notwendige Würze verleiht. Kostja Ullmann sah noch nie so gut aus wie als schwuler Frisör und Aylin Tezel ist als unglücklich verliebte Sympathieträgerin einfach nur herzallerliebst. Kinopolis

"Hin und weg"

Jedes Jahr machen die Ehepaare Hannes und Kiki, Dominik und Mareike sowie der Frauenheld Michael und Hannes' Bruder Finn eine gemeinsame Radtour. Jeder darf mal wählen, wohin es geht. Diesmal ist Hannes, gespielt von Florian David Fitz, an der Reihe. Von Frankfurt aus soll es also nach Ostende in Belgien gehen. Hannes hat die Absicht, dort zu sterben. Er ist schwer an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS erkrankt. Bis auf seine Frau Kiki (Julia Koschitz) wissen die Freunde davon nichts. Als sich Hannes dann doch offenbart, sind sie längst als aufgekratzte Truppe von Pedalrittern unterwegs.

In Christian Züberts Roadmovie "Hin und weg" wird die Sterbehilfe erstaunlich unbekümmert behandelt und die Tragödie mit der Mutmacher-Komödie gekreuzt. Dass das ein schwieriges Unterfangen ist, zeigt sich bald. Die allgemeine Munterkeit des Aufbruchs mit Zweirädern unterschiedlichster Art wird jäh unterbrochen, als Hannes sein wahres Anliegen, eben das Sterben in Ostende, preisgibt. Nicht viel hätte gefehlt, und die Freunde hätten daraufhin das Unternehmen aufgegeben. Aber dann entschließen sie sich doch dazu, nachdem der erste Schock überwunden ist, Hannes' Wunsch zu erfülle.

Für den Zuschauer wird die galgenhumorige Mutprobe des eingespielten Teams allerdings zur Nervensache. Auf Bierdeckeln wird nämlich bei einer ersten gemeinsamen Rast vom jeweiligen Tischnachbarn aufgeschrieben, was der andere an ausgedachten Abenteuern auf dieser Reise durchzustehen hat. Die Palette reicht von der Aufgabe, sich als Frau zu verkleiden und Männer anzumachen bis hin zum Fallschirmsprung und vom Haschisch-Organisieren. Die Nummern dieser reisenden Revue wirken wie eine Parallele zur kürzlich so populären "Ice Bucket Challenge", mit der vor allem Prominente ALS-Kranken helfen wollten. Spaß muss sein, ist die Devise der Freunde, die Hannes' letzte Stunden versüßen wollen. Wenn das so einfach wäre, dann wär's vielleicht ein schöner Spaß. Ist es aber nicht, wie bereits andere Filme zum Thema gezeigt haben. Bleibt immerhin der Mut zu bewundern, mit dem die Drehbuchautorin Ariane Schröder zu Werke ging.

Dass dem hochkarätigen Ensemble - neben Fitz und Koschitz spielen Jürgen Vogel, Victoria Mayer, Johannes Allmayer und Volker Bruch - diese letzte Fahrt für einen Freund viel Spaß gemacht hat, merkt man dem Film von Christian Zübert an. Doch es fehlen weitgehend die traurigen, die Zwischentöne. Kinopolis, Neue Filmbühne, Stern

"Am Sonntag bist du tot"

Die Skandale um sexuellen Missbrauch und Pädophilie in der katholischen Kirche haben Irland als Hochburg des Katholizismus besonders hart getroffen und zu einer tiefen Vertrauenskrise nicht nur gegenüber christlichen Obrigkeiten geführt. Regisseur John Michael McDonagh legt mit seinem Film "Am Sonntag bist du tot" gleich in der ersten Szene den Finger in die Wunde. "Mit Sieben kannte ich schon den Geschmack von Sperma in meinem Mund", sagt die Stimme eines Unbekannten durch das Gitter des Beichtstuhles hindurch, und er erzählt vom jahrelangen Missbrauch durch einen Priester, der schon längst tot ist.

Die Rache für die erlittenen Qualen richtet sich nun gegen den unbescholtenen Gemeindegeistlichen Father James (Brendan Gleeson), den er Sonntag in einer Woche umbringen will. Es ist ein Auftakt von shakespearehafter Wucht, mit dem McDonagh Position bezieht. Aber danach lenkt er das Schiff in ruhigere Fahrwasser. Denn Father James reagiert nicht panisch auf die Morddrohung, sondern geht scheinbar gelassen weiter seiner Arbeit in der Gemeinde nach, die alles andere als ein gottesfürchtiges Leben führt. Der örtliche Fleischer, der seine Frau schlägt, ein Polizist, der sich abends mit einem Stricher vergnügt, ein verbitterter Wirt, dem die Banken den Geldhahn zudrehen, ein zynischer Krankenhausarzt, der Leben rettet und die Menschen verachtet - sie alle haben eines gemeinsam: Sie setzen alles daran, die moralische Integrität des Priesters zu attackieren. Aber Father James hat als Witwer, Vater einer erwachsenen Tochter und ehemaliger Alkoholiker genug weltliche Lebenserfahrung, um sich nicht als Tugendwächter, sondern als seelischer Beistand für die Dorfbewohner zu sehen.

Mit ganzer Kraft lässt McDonagh den Zynismus der modernen Verlierergesellschaft mit der menschlichen Güte seiner Hauptfigur kollidieren. Die Morddrohung am Anfang führt hier nicht zu einem aufgeregten Krimi-Plot, sondern schärft die Aufmerksamkeit für das Arsenal der Figuren, von denen fast jede als potenzieller Mörder infrage kommt. Wie schon in seinem viel beachteten Debüt "The Guard" überzeugt McDonagh mit einer ungewöhnlichen Mischung aus tiefschwarzem Humor, hartem Pessimismus, hochemotionalen Szenen und einer hohen Sensibilität gegenüber den Figuren. Im Gewand eines irischen Film Noir verhandelt "Am Sonntag bist du tot" mit erzählerischer Brillanz moralische und philosophische Grundfragen, die weit über die Krisenbefindlichkeit der irischen Gesellschaft hinausweisen. Neue Filmbühne Beuel

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