Chef von Oper und Schauspiel Klaus Weise verabschiedet sich nach zehn Jahren

BONN · Am Sonntag, 21, Juli, fällt der "Last Curtain", der letzte Vorhang, für Klaus Weise. Mit einem Fest in der Oper verabschiedet sich der Bonner Generalintendant nach zehn erfolgreichen Jahren von seinem Publikum, seinem Ensemble und seinen Mitarbeitern.

In einem Gespräch mit den Feuilleton-Redakteuren des General-Anzeigers, Bernhard Hartmann, Dietmar Kanthak und Thomas Kliemann, zog Weise eine Bilanz seiner Zeit am Bonner Theater. Drei Themenkomplexe standen im Zentrum: Theater, Oper und Kulturpolitik.

Theater

Die Frage hatte Klaus Weise erwartet. Was ist nach zehn Jahren Bonn Ihre größte Liebe, wollten wir vom Intendanten wissen. Das Theater oder die Oper? "Der Film!", kam es wie aus der Pistole geschossen. Die Frage wollte und konnte Weise nicht beantworten: "Das ist wahnsinnig schwer zu entscheiden." Allerdings fiel in den vergangenen Jahren schon deutlich auf, wie viel Herzblut er für die Regiearbeiten im Musiktheater hergab; im Schauspiel arbeitete Weise zuletzt weniger spektakulär. Im Gespräch skizzierte er, wie schwierig es im Theater sei, "diesen unglaublichen Aufbruchswillen" im Ensemble zu mobilisieren. Wegen der Zersplitterung der Schauspielszene (Bonn, Beuel, Bad Godesberg) existiere kein Zentrum für die Schauspieler: "Das Ensemble findet keinen gemeinsamen Raum", klagte Weise. So könne, im Unterschied zur Oper, kein Wir-Gefühl intensiviert werden.

Weise blickte im Schauspiel dennoch auf beglückende Erfahrungen zurück, zum Beispiel auf die langjährige Zusammenarbeit mit den Autoren Sibylle Berg, Marina Carr, Neil LaBute und Lothar Kittstein. Marina Carr ("die habe ich entdeckt") hat Weise noch nie getroffen. Er hätte auch ein bisschen Angst vor einer Begegnung mit der irischen Autorin, die Stücke schreibe, "in denen der Alltag in sehr archaische Dimensionen gebracht wird". Nicht gelungen sei es hingegen, einen Schwerpunkt der Arbeit im Theater - Stücke zur Geschichte der Bonner Republik wie "Hannelore Kohl" und "Treibhaus" - im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

Was wäre noch zu tun, zu leisten, wenn die Intendantenzeit nicht in Kürze ausliefe? Die Wiederbelebung der Theater-Biennale zum Beispiel. "Die hatte etwas Opulentes", sagte er, mit der Vereinigung von Kunst, Performance und Theater. Die Halle Beuel würde er in diesem Sinne als grenzüberschreitenden Spielort zwischen Schauspiel und bildender Kunst neu definieren. Für seine weitere Arbeit fühlt sich Weise einem konservativen Kunstbegriff verpflichtet. Er will "Kante zeigen für die Kunst", dem Publikum etwas abverlangen, statt es wohlfeil zu bespaßen oder volkspädagogisch zu betreuen. Der Künstler solle im Zentrum seiner künftigen Arbeit als Regisseur stehen.

Dietmar Kanthak

Oper

"Theater lebt immer vom Aufeinandertreffen unvereinbarer Positionen", sagt Klaus Weise. Wenn es gut läuft, dann werden sie ausschließlich auf der Bühne ausgefochten. Doch jeder Intendant macht auch mal die Erfahrung, dass die Grenze zwischen den Konfliktparteien scharfkantig zwischen Bühne und Auditorium verläuft. Beethovens "Fidelio" - ausgerechnet! - war der vielleicht größte Skandal, den die Bonner Oper während der Amtszeit Klaus Weises erlebte.

Das Publikum tobte nach der Premiere im September 2005, die in Kooperation mit dem Beethovenfest entstandene Inszenierung des Kölner Intendanten Günter Krämer wurde nach ein paar Vorstellungen abgesetzt. "Ein paar Flops hat es auch gegeben", räumt Weise ein. Doch der Generalintendant, für den bei Amtsantritt in Bonn die Oper noch künstlerisches Neuland war, hat sich davon nicht entmutigen lassen. Man könnte fast sagen, dass dieses Genre in den Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit am Bonner Dreispartenhaus rückte. Dabei sorgte zuletzt Generalmusikdirektor Stefan Blunier für hohes Niveau im Orchestergraben, und Christian Firmbach erwies sich als Sängerscout, der so herausragende Stimmen wie die der Sopranistin Miriam Clark fürs Ensemble verpflichtete.

Seine erste eigene Regiearbeit präsentierte Weise dem Bonner Publikum 2005 am Ende seiner zweiten Spielzeit: Mozarts "Don Giovanni". Doch er brennt vor allem für die Opern des frühen 20. Jahrhunderts, für ihre rauschhafte Musik, für ihre erotisch aufgeladene Stimmung, für die archaische Gewalt, die oft in diesen Werken steckt. Seine Inszenierung von Paul Hindemiths "Cardillac" empfindet er selbst als eine seiner besten Regiearbeiten für das Haus. Erich Korngolds "Die tote Stadt", Eugen d'Alberts "Golem", Franz Schrekers "Irrelohe" und "Der ferne Klang", meist mit Generalmusikdirektor Stefan Blunier am Pult, waren weitere Opernraritäten aus dieser Epoche. "Wir haben festgestellt, dass man für solch ein Programm ein Publikum gewinnen kann", sagt Weise.

Das Kernrepertoire verlor er dabei nicht aus den Augen. Höhepunkte waren für Weise etwa Philipp Himmelmanns Inszenierung von Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", "die ja auch Proteste und Zustimmung gefunden hat, weil er die erotischen Obsessionen ernst genommen hatte". Auch die ebenfalls nicht unumstrittene "Carmen" des jungen Regisseurs Florian Lutz und Vera Nemirovas "Tristan und Isolde" zählen dazu. Weise, der wegen Etatkürzungen die Reihe BonnChance! für experimentelles Musiktheater zurückfahren musste, hätte gern mehr neues Musiktheater am großen Haus gebracht. Sein Traum: "Jedes Jahr eine zeitgenössische Oper in Auftrag geben."

Die neuen Werke dürften allerdings thematisch gern ein bisschen boulevardesker sein, wie Georg Friedrich Haas es vorgemacht habe, dessen Oper "Bluthaus" auf der Geschichte Natascha Kampuschs basiert. Aus der benachbarten Tanzsparte nennt er in diesem Zusammenhang Johann Kresniks "Hannelore Kohl". Dass Kresniks Abschied auch das Ende von einem hauseigenen Ensembles bedeutete, bedauert Weise. Sein Traum: eine Kombination aus eigener Compagnie und einem Tanzfestival mit Gastspielen.

Bernhard Hartmann

Kulturpolitik

Anlässlich der Verleihung des Theaterpreises Thespis am 14. Juli kochte noch einmal der ganze kulturpolitische Frust des Klaus Weise hoch: Er wollte und konnte wohl nicht mehr mit Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch auf einer Bühne stehen. Es bleibt dahingestellt, ob Nimptsch letztlich der richtige Adressat war, aber er steht für eine kulturpolitisch prekäre Situation, in die Weise vor zehn Jahren bei seinem Antritt in Bonn geriet. Er übernahm eine Bühne im finanziellen Sinkflug. Euphemistisch ausgedrückt ging es darum, den Etat des vom Bund hoch subventionierten Opern- und Schauspielapparates der Hauptstadt auf das Niveau eines kommunal finanzierten Stadttheaters "abzuschmelzen". Im Klartext: Es ging um Sparen, Sparen, Sparen, Streichung von Arbeitsplätzen und Verdichtung, das Ganze unter Beibehaltung des alten Dreisparten-Modells.

Interims-Intendant Arnold "Sparnold" Petersen zog als erster die Handbremse, nahm einen großen Teil der Stellenstreichung auf sich. Sein Nachfolger Weise musste aber auch den Rotstift ansetzen, bis zu 14 Millionen Euro, wie er sagt, sparen. "Keiner hat Danke gesagt", meint Weise frustriert, kein anderes Theater in der Republik habe eine vergleichbare Reduktion der Mittel zu verkraften gehabt. Als dann noch einmal 3,5 Millionen Euro Einschnitte gefordert wurden, Weises Schmerzgrenze und Angebot von 1,8 Millionen ignoriert wurden, warf er hin. Das ist die offizielle Version.

"Man wollte mich nicht mehr, man hat mich rausgeekelt", das ist Weises Version. Hier klingt an, was den Intendanten seit seiner zweiten Amtszeit an der Politik der Stadt auszusetzen hat: Mal wurde die Höhe seines Gehalts in die Öffentlichkeit durchgesteckt, mal der Zoff mit dem Dienstwagen. Als die Sportfunktionäre Kinder mit Plakaten wie "Mutti, ich will nicht in die Oper" auf die Demo schickten, den Kulturetat der Stadt zur Diskussion stellten und Weises Theater ins Fadenkreuz geriet, seien, so Weise, weder der Kulturdezernent noch der OB eingeschritten. Letzterer goss mit seinen wiederholt formulierten Plänen einer Opernfusion von Köln und Bonn auch noch Öl ins Feuer. Nahezu ungehört verhallten Weises Gedanken zur kulturpolitischen Zukunft der Stadt. Vielleicht auch, weil ihm das Festspielhaus nicht wichtig genug erschien. "Man soll nicht in Beton investieren, sondern in Ideen", meinte er immer wieder.

Weises Vision ist - losgelöst von einer Immobilie - eine Festivalstadt Bonn, so wie Salzburg eine ist. Die Bühnen, die Museen der Stadt, des Landes und des Bundes in Bonn, alle Kulturinstitutionen sollten gemeinsam an einem gattungsübergreifenden Festival arbeiten. Weise kann sich mehrere solcher Festivals im Jahr vorstellen.

Thomas Kliemann

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
So klingt ein Klavier von 1829
Konzert im Bonner Woelfl-Haus So klingt ein Klavier von 1829
Aus dem Ressort