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Premiere: Kurzweilige Aussichtslosigkeit bei "Endspiel" in Köln

Premiere : Kurzweilige Aussichtslosigkeit bei "Endspiel" in Köln

Rafael Sanchez inszeniert Samuel Becketts „Endspiel“ am Schauspiel Köln. Von Albernheit zu Trostlosigkeit, von Freundlichkeit zu Hass brauchen die Figuren nur Sekunden.

Es ist schon beim Anpfiff verloren, dieses Endspiel der Elenden. In einer öden, längst untergegangenen Welt warten der herrische Hamm und sein Diener Clov nicht auf Godot, sondern auf den Tod. Der blinde Hamm kann nicht gehen, Clov nicht sitzen, und beide kommen weder mit- noch ohneeinander aus.

Die Helden in Samuel Becketts „Endspiel“ (1957) sind am Nullpunkt ihrer Existenz festgetackert und entwickeln doch erstaunliche Vitalität. Du hast keine Chance, also nutze sie. Aus diesem Paradox schlägt Rafael Sanchez im Depot 2 des Kölner Schauspiels die schönsten Funken. Thomas Dreißigackers fast leere, durch zwei blinde Fenster spärlich belichtetet Bühne suggeriert pure Tristesse.

Und die gibt es ja auch im ewigen Trott zwischen Zwieback und Schmerzmitteln, im täglichen Quälen von Nagg und Nell, die als Hamms Eltern hier neben der Mülltonne „wohnen“. Gleich zu Beginn ist Hamms Gesicht mit jenem „alten Linnen“ bedeckt, das am Ende sein Ableben signalisiert. Doch bis dahin wird gespielt. Und wie! Als Chor holt Sanchez ein weibliches Streichquartett (Sophie Moser, Zuzana Leharová, Pauline Moser und Ella Rohwer) hinzu, das die Verzweiflungskomödie höchst originell kommentiert. So beschleunigen fliegende Bögen Hamms Rollstuhlfahrt im Kreis, während der „Rasende“ reglos am alten Platz verharrt.

Auf der Bühne agiert eine Idealbesetzung

Sanchez' Regie steht der messerscharfen Präzision von Cornelius Borgoltes Komposition in nichts nach. Von Albernheit zu Trostlosigkeit, von (rarer) Freundlichkeit zu Hass brauchen die Figuren nur Sekunden. Was auch daran liegt, dass hier eine Idealbesetzung agiert. Martin Reinke seziert Hamms Psyche bis in die letzten Fasern. Der schnarrende Befehlston schlägt abrupt um in selbstmitleidiges Greinen und devote Bettelei, seine Dompteursgrandezza bricht zusammen, wenn Clov ihm nicht sogleich den erbärmlichen Stoffhund bringt.

Arroganter Schwadroneur und hilfloser Kranker, Pedant (wehe, der Rollstuhl steht nicht in der Mitte!) und Misanthrop, all das ist Reinkes Hamm, der hinter vielen Masken doch nur seine Verlorenheit tarnen will. Ihm gegenüber brilliert Bruno Cathomas als oft, aber nicht immer serviler Clov. Der erklettert für den verlangten Wetterbericht immer wieder steile Leitern und schleudert Hamm dann das „Grau, grau!, Grau!!!“ wie ein Todesurteil entgegen. Nach unfreiwilligem Slapstick-Striptease darf er den massigen Bodybuilder geben oder ein Tänzchen wagen, wobei er düster ahnt: „Irgendetwas geht seinen Gang.“ Denn bei aller Kurzweil ist Sanchez' Regie weit davon entfernt, den dunklen Kern des Stücks zu vergessen.

Das beiläufige Sterben Nells (Margot Gödrös) und Naggs (Pierre Siegenthaler) lautloses Weinen erinnern früh daran, dass keine Zerstreuung den pechschwarz versinkenden Hintergrund kaschieren kann. „Ich sehe nun, dass die Erde erloschen ist, obwohl ich sie nie glühen sah“, sagt Clov müde, als er Hamm endgültig verlässt. Und dessen Satz „Da es so gespielt wird, spielen wir es eben so“, ist das erschöpfte Einverständnis mit dem Tod.

Starker Beifall (und ein einsames Buh) für dieses abgründige Schauspielerfest. Und am Schluss war Martin Reinke erst irritiert, dann sehr gerührt, als ihm Intendant Stefan Bachmann Blumen gab: für die 200. Kölner Premiere!

1¾ Stunden ohne Pause, wieder am 25. u. 31.1. sowie 2., 6. und 27.2., jeweils 20 Uhr. Karten-Tel.: (0221) 221 28 400.