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"Mach et nisch zu teuer": Legendärer Bonner Galerist Erhard Klein wird 80

"Mach et nisch zu teuer" : Legendärer Bonner Galerist Erhard Klein wird 80

Der legendäre Bonner Galerist Erhard Klein wird am Dienstag 80 und zeigt im Kunstmuseum Bonn Erinnerungen aus mehr als 40 Jahren.

Es gibt einen berühmten Running Gag in der deutschen Galerieszene. Und der geht so: Der Bonner Galerist Erhard Klein stellte in den frühen 1980er Joseph Beuys aus, vergaß auf der Einladungskarte den Hinweis, dass die von Beuys signierten Weinflaschen mit dem Etikett F.I.U. (Free International University) zugunsten von Beuys freier Universität verkauft würden.

Worauf Beuys, etwas über die Zerstreutheit des Galeristen verschnupft, einen Stempel mit der Aufschrift „Erhard Klein unkonzentriert“ herstellen ließ und hundert beanstandete Karten damit abstempelte. Bald darauf reagierte Beuys' Söhnegeneration in Gestalt von Martin Kippenberger und Albert Oehlen mit einem trotzigen „Erhard Klein vollkonzentriert“. Die Kunstdebatte und das Beuys-Bashing gingen weiter: mit der Wodkaflasche „Erhard Klein Konzentrat“ (Georg Herold), „Erhard Klein konzertant“ (Friedrich Meschede), „Erhard-Klein-Kondensat“ (Klein-Edition).

Klein amüsiert sich noch heute über jenes Hin und Her. Und er hat alle Etappen der kleinen Debatte aus seinem Archiv geholt und mit vielen anderen Devotionalien ins Kunstmuseum Bonn gebracht. Am Dienstag wird Erhard Klein 80. Das Kunstmuseum würdigt diesen legendären und glühenden Aficionado der Kunst und nicht zu unterschätzenden Motor der Bonner Kunstszene mit einer sehr persönlichen, unbedingt sehenswerten kleinen Ausstellung, die am Mittwoch eröffnet wird.

Der gelernte Buchhändler und studierte Diplom-Bibliothekar eröffnete seine Galerie – da war er noch Beamter – in der Bonner Königstraße 71 im November 1970 mit Serigrafien von Rupprecht Geiger. Es folgten unter anderem Präsentationen von Max Ernst und Eduardo Paolozzi. 1970 hatten Gerhard Richter und Blinky Palermo ihr Debüt bei Klein, 1972 kamen Raimund Girke, Arnulf Rainer und Alfonso Hüppi dazu, 1973 stiegen Joseph Beuys und Imi Knoebel in den Ring, 1974 stießen etwa Sigmar Polke und Jochen Gerz zum erlauchten Kreis der Klein-Künstler. Ein Who is Who der deutschen Gegenwartskunst gab sich von 1970 bis 2013 bei Klein die Klinke in die Hand. „Ich will bei Klein ausstellen, wo Beuys und der Polke ausgestellt haben“, ist von dem damals vollkommen unbekannten Kippenberger überliefert. 1983 kam er erstmals zum Zug.

Joseph Beuys ohne Hut

Wandfüllend berichten Fotodokumentationen von Franz Fischer und Markus Schreiber über ausgelassene Vernissagen und Aktionen, über Künstlertreffen und Begegnungen sowie Momente der besonderen Art: Beuys ohne Hut, Katharina Sieverding mit Hut, Elisabeth Erdmann-Macke und Walter Scheel zu Besuch, Polke und Kippenberger ausgelassen, Martin Noël und Achim Duchow vergnügt.

1994 trägt die Bonner Kunstszene Trauer: Klein schließt nach rund 190 Ausstellungen seine Galerie in der Königstraße und eröffnet sie wieder in einer alten Glasfabrik in Bad-Münstereifel-Mutscheid. Neue Location, neue Atmosphäre. Die Vernissage wird zur Landpartie mit Kunst, Katzen und Hängebauchschweinen, die sich im Garten tummeln. Kleins Programm bleibt hochkarätig, und der Galerist glänzt als Seele der Szene, bringt Leute zusammen, steckt sie an mit seiner Leidenschaft für die Kunst, arbeitet mit seinen Künstlern, feiert und präsentiert sie, bringt insgesamt 60 Kataloge und 180 Editionen heraus. „Mach et nisch zu teuer“, pflegte er seinen Künstlern bei der Preisgestaltung zu raten.

„Ich zeige alles, was mit Erhard zu tun hat“, sagt Klein vergnügt in seiner Kunstmuseums-Schau und deutet auf Kippenbergers fantastische Serie „Warhol ist nicht Klein“ mit bunten Klein-Porträts à la Warhol. Schöne Erinnerungen wie Palermos blaues Dreieck, das einst in der Bonner Galerie hing. Noël hatte einen Druckstock „Erhard“ genannt und dem Galeristen das Werk „Miles Davis“ zum 70. gewidmet – im gleichen Jahr waren beide in Miles' Konzert.

Musikfan Klein hat seine Vorlieben seitdem stark verändert: Jeden Tag sitzt er in seinem Neuwieder Haus am Klavier, spielt keinen Jazz mehr, sondern Mozart-Sonaten, Stücke von Prokofjew und Schubert. Die Oper liebt er nach wie vor, aber: „Ich reise nicht mehr so gerne.“ So bleiben „Madama Butterfly“ in der Met und „Der Rosenkavalier“ in Los Angeles schöne Erinnerungen. Seitdem er 2006 die Ausstellungstätigkeit aufgab und 2013 die Galerie schloss, hat er auch mehr Zeit zum Lesen: „Ich lese nur noch Biografien von Rilke bis Wagner – das ist spannender als ein Thriller.“

Aber richtig aufregen kann sich Klein nur beim Sport. Sein Herz gehört nach wie vor dem FC und dem BVB, den Telekom Baskets und dem BSC. Und zum FC geht er mittlerweile am liebsten mit seinem Enkel.