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Bundeskunsthalle: Liam Gillick bekommt seine erste Retrospektive

Bundeskunsthalle : Liam Gillick bekommt seine erste Retrospektive

Der Brite präsentierte sich mit Katze und Küche im vergangenen Jahr als Vertreter Deutschlands auf der Kunstbiennale in Venedig.

Bonn. Liam Gillicks Katze hat den Weg von Venedig nach Bonn gefunden, und sie hat sogar noch Deutsch gelernt. Und doch bleibt Gillicks raumgreifende Küche aus Tannenholz ein recht unverständlicher Brocken:

Der Kommentar der ausgestopften Katze, die, wie sie sagt, leicht depressiv, aggressiv und chronisch unterfordert ist, trägt wenig zur Erhellung bei. Der Brite Gillick präsentierte sich mit Katze und Küche im vergangenen Jahr als Vertreter Deutschlands auf der Kunstbiennale in Venedig.

Seine Anspielung auf die Erfindung einer modernen funktionalen Küche durch die Sozialreformerin Margarete Schütte-Lihotzky 1927 und die Referenz auf die Küche als Ort des familiären, sozialen Austauschs stieß auf eher wenig breites Verständnis.

Einleuchtender noch schien die Konfrontation der Utopie einer Demokratisierung der Hausarbeit (die letztlich aber erst recht die Frau an den Herd fesselte) mit der perfiden, menschenverachtenden 1000-Jahre-Utopie der Nazis, die sich im Pavillon der Biennale 1938 ihren kulturellen Brückenkopf in Venedig geschaffen hatten.

Gillick (45) stellte den klinisch rein purifizierten Nazitempel einer Einbauküche gegenüber: immerhin ein Diskussionsansatz für viele der über 350 000 Biennale-Besucher. Warum die Bundeskunsthalle diese Küche nun - logischerweise ohne den historischen Hintergrund - zeigt, zählt zu den vielen Rätseln der Gillick-Retrospektive.

Bundeskunsthalle Friedrich-Ebert-Allee 4;
bis 8. August.
Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr.
Katalog (Snoeck) 29 Euro
bundeskunsthalle.deWillkommen im Küchenstudio an der Museumsmeile. "Rietveld goes Ikea", heißt ein geflügeltes Wort, das umschreibt, wie Ideen von Konstruktivisten wie Gerrit Rietveld, bekannt nach seinem "Rot-Blauen-Stuhl" (1917/18), zum platten, billigen, massentauglichen Möbeldesign gerinnen.

Gillicks Arbeiten gehen diesen Weg nicht bis ans Ende, bleiben mitunter auf dem Niveau eines Designs stehen, das schick, teuer und edel aussieht, funktional wirkt, aber nicht ist, das die Anmutung von Minimal Art hat, mit einem fundamentalen Unterschied:

Wer Gillicks Kunst verstehen will, muss ganz tief einsteigen in die Arbeit des Schriftstellers und Denkers Gillick, muss seine mitunter atemberaubend luziden Texte lesen, die Vorgänge präzise analysieren, politisch einordnen und Visionen riskieren.

Es geht um brennende Fragen der Zeit, um die Organisation der Arbeit in der Zukunft, um Beziehungen und neue Formen des Dialogs, um Erkenntnisprozesse und Strategien, Krisen nicht auszublenden, sondern kreativ anzugehen und zu bewältigen.

Eminent spannende Fragen und Antworten sind das, die sich allerdings kaum in Gillicks bildnerischem Werk niederschlagen, das mit Titeln wie "Volvo-Bar", Anspielungen auf soziale Prozesse und der quasi-industriellen Machart wenig mehr als Hinweise auf den mächtigen intellektuellen Überbau gibt.

Ohne den Subtext sind seine Arbeiten schöne, schicke bunte Raumteiler, die betörend elegant um den seit langem einmal wieder geöffneten hellen Innenhof der Bundeskunsthalle gruppiert sind, als sei es eine Präsentation für "Schöner Wohnen".

Es verwundert nicht, dass Gillick zu den Shootingstars des Kunstmarktes gehört, wobei er zu den eher sperrigen Meistern der gehypten "Young Britisch Artists" zählt. Es fällt auf, dass Gillick hier und da Baldachin-artige Denkräume und Diskussionsplattformen installiert hat, in denen man sich austauschen kann.

Etwa über einen Film über Kennedys Verteidigungsminister und späteren Weltbankchef Robert McNamara und dessen Thinktank - als prominenten Vorläufer für Gillicks Denkräume, die er unter dem kryptischen Titel "Ein langer Spaziergang ...Zwei kurze Stege..." in Bonn zeigt.

Intendant Robert Fleck, Kurator Rainald Schumacher und Ausstellungsleiterin Susanne Kleine lassen dem Besucher kaum eine Chance, in Gillicks komplexes Universum einzudringen. Es gibt in der Schau keine Erläuterungen außer rudimentär Biografisches.

Werktitel sind grundsätzlich nur auf Englisch, hoch komplizierte, kaum entzifferbare Textarbeiten nicht einmal in englischer Transskription verfügbar. Immerhin: Die Katze spricht Deutsch. Und man verweist auf den 29 Euro teuren Katalog. Gute Kunstvermittlung und der viel beschworene Bildungsauftrag sehen anders aus.