Bonner LVR-Landesmuseum Lieblingsstücke aus der Sammlung von Klaus Mülstroh

Bonn · Dass eine Ausstellung ohne ein stringentes Konzept durchaus reizvoll sein kann, lässt sich derzeit im LVR-Landesmuseum überprüfen. Denn hier, im lichten, weiträumigen Obergeschoss, hängen 140 "Lieblingsstücke" aus der Grafik-Sammlung des Heinsberger Architekten Klaus Mülstroh.

 Das große Glück: Willi Sittes Zinkografie "Albrecht Dürer gewidmet" ist auch eine Hommage an Picasso.

Das große Glück: Willi Sittes Zinkografie "Albrecht Dürer gewidmet" ist auch eine Hommage an Picasso.

Foto: Museum

Ausgewählt hat er sie aus seinen rund 3000 Arbeiten auf Papier, die er jüngst dem Landesmuseum als langfristige Dauerleihgabe anvertraut hat. Dabei ging es ihm weder um Schulen oder Techniken noch um Epochen, sondern allein um seine persönlichen Neigungen.

Ähnlich subjektiv hat er auch seine gesamte Kollektion aufgebaut, nachdem vor mehr als 30 Jahren ein geschenktes Blatt seine Sammelleidenschaft ausgelöst hatte. Zwei Ziele verfolgte Klaus Mülstroh dann aber doch: Zum einen wünschte er sich je ein Blatt von den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts; zum anderen sollten Grafiker seines heimatlichen Umfeldes zahlreich vertreten sein. Allein die "Lieblingsstücke" beweisen, dass ihm beides gelungen ist. Allerdings bekennt der Sammler, den man wohl als rheinisches Original bezeichnen darf, freimütig, anfangs sei wohl auch "Klimbim" darunter gewesen. Die Qualität aber überwiegt zweifellos!

Wie unvoreingenommen das Urteil des Sammlers ist, zeigt das in Mischtechnik gefertigte Bildpaar "o. T. (Kreuzform gepresst)" des Heinsberger Künstlers Mathis Zerr, den er als "einen der besten Maler der Welt" schätzt. Auch dem viel berühmteren "Altmeister" Werner Tübke ist mit seiner filigran lithographierten "Auferstehung" ein sakrales, jedoch vielfach verrätseltes Motiv zu verdanken. Ihm zur Seite hängt Willi Sittes Zinkografie "Albrecht Dürer gewidmet". Darin zitiert der bekannte DDR-Maler das mythische Motiv der Nemesis, die unter den Menschen Glück und Recht verteilt.

Dürer hatte das Blatt der griechischen Göttin, auch "Das große Glück" genannt, 1501/1502 unter dem frisch gewonnenen Eindruck der italienischen Renaissance in Kupfer gestochen. Die Figur schwebt in antikischer Nacktheit auf einer Kugel, Symbol des schwankenden Glücks, wobei sie - damals hoch aktuell - den von Vitruv vorgegebenen Proportionen folgt. Mit seiner Hommage an Dürer gibt Willi Sitte sich als "pictor doctus", als gelehrter Maler, der die Kunstgeschichte sehr wohl kennt.

Fast beiläufig integriert er in das schöne Blatt weitere Zitate, darunter einen kleinen gehörnten Faun, ein immer wiederkehrendes Motiv des Übervaters Pablo Picasso; ihm galt ebenfalls Willi Sittes Bewunderung. Auch im letzten der "Drei Frauenporträts" von Michel Saran scheint mit dem linear gezogenen Lockenkranz ein Vorbild von Picasso durch, das man von der Porträt-Lithographie seiner Geliebten "Francoise" kennt.

Grundsätzlich lassen manche Grafiken den ehemals herrschenden Zeitgeist - etwa durch Werke der Pop-Art geprägt - erahnen. Der große Andy Warhol aber ist gewissermaßen persönlich präsent, nämlich mit einem Siebdruck aus der Serie "Ladies and Gentlemen", der in Kolorit und kräftigem Liniengefüge wesentlich von Warhols weithin präsenten Star-Porträts abweicht. Sehr grazil und ziemlich fesch zeigt sich dagegen der Siebdruck "Tanzendes Paar" von Tomi Ungerer. Der gleichsam diagonal über das Blatt gelegte Wiegeschritt des geschniegelten Herrn und seiner flotten Partnerin suggeriert einen Tango.

Wie vielseitig sich diese Lieblingsstücke auch zeigen, so können sie doch ein Faible des Sammlers für die menschliche Figur nicht leugnen. Benno Werth etwa, (Glas-) Maler und Bildhauer zugleich, bestätigt diese Vorliebe mit seinen "Drei Akten". In großen kantigen Zügen, fast kubistisch hat er einen liegenden Akt modelliert, der die Assoziation einer weiten, schroffen Landschaft weckt.

Neben den Grafiken hat Klaus Mülstroh dem LVR-Landesmuseum auch mehr als 1500 Kunstbände übergeben. Das Museum wird ihm mit der Edition von Bestandskatalogen seiner interessanten Sammlung danken.

LVR-Landesmuseum, Bonn; bis 29. September 2013; Di bis Fr 11- 18, Sa 13-18 Uhr