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Gockel inszeniert "Herz der Finsternis": Loreley in Afrika

Gockel inszeniert "Herz der Finsternis" : Loreley in Afrika

Tiere sind keine Theaterkritiker, nicht einmal Hühner. Insofern darf man folgenden Vorgang bei der Premiere von "Herz der Finsternis" in der Halle Beuel als zufälliges Ereignis betrachten.

Der Schauspieler Komi Togbonou holte in einer Szene zu Beginn zwei schwarze, vollkommen entspannt auftretende Hühner aus ihrem Käfig und setzte sie auf einen Tisch. Darauf lag ein Stück Kuchen, gestaltet in der geografischen Form des Kontinents Afrika. Eines der Tiere defäkierte auf den Symbol-Kuchen. Wie gesagt, Zufall, keine Kommentar zur Theaterproduktion nach der Novelle von Joseph Conrad aus dem Jahr 1899. Vorher durfte das Publikum vom Backwerk probieren. Zuschauer und Pantheon-Chef Rainer Pause zum Beispiel griff zu, es war wie auf einem Kindergeburtstag.

Das war nur der Anfang. Jan-Christoph Gockel, der Regisseur des 160-Minuten-Abends (inklusive Pause), wartete mit Sinne und Geist betäubenden audiovisuellen Effekten auf, mit Musik und Projektionen, Ausschnitten aus einem Film über den Söldner Siegfried Müller ("Kongo-Müller"), Szenen vom Abschlachten afrikanischer Elefanten, wilden Maskeraden, einschließlich Einsatz einer Penis-Attrappe; mit Improvisationen und Illusionsbrechungen, Loreley, Lyrik, Liedgesang und Klavierspiel, Slapstick und Satire, Belehrung, historischen Exkursen und Reflexionen über Europa heute und übers Erzählen.

Darüber verloren Gockel und seine Schauspieler - neben Togbonou wirkten Laura Sundermann, Benjamin Grüter, Alois Reinhardt, Hajo Tuschy und David Schliesing mit - manchmal aus den Augen, dass Sprechtheater mit Sprechkultur zu tun hat. Wie wäre es demnächst mit Übertiteln wie in der Oper?

Was will dieser Abend veranschaulichen? Gockels und David Schliesings szenische Collage spannt einen Bogen von der Blütezeit des Kolonialismus in die Gegenwart. Die könnte, Stichwort Flüchtlingsdrama, finster werden, deutete Komi Togbonou zum Ende der Aufführung an: ein starker Moment. Joseph Conrads Erzählung verknüpft der Regisseur mit Francis Ford Coppolas Kinoadaption von "Herz der Finsternis", dem Film "Apocalypse Now" von 1979. Film und Kunst spiegeln sich in dokumentarischem Material. Der belgische König Leopold II., Gründer des Kongo-Freistaats, tritt auf. In der Darstellung von Alois Reinhardt sieht er aus wie die RTL-Dschungelcamp-Persönlichkeit Olivia Jones mit angeklebtem Bart.

Hierin liegt das Problem der Inszenierung. Sie verblödelt ihr Anliegen, kommt vor lauter Einfällen nicht auf den Punkt, liefert lieber grobkomödiantisches Überwältigungs-Stakkato statt Konzentration und Feinarbeit. Das Spiel mit Vorurteilen zu Weiß und Schwarz erscheint als hysterische Klischeeparade mit viel Schminke und dunkelfarbigem Latex-Phallus (Kostüme: Amit Epstein). So entgleitet das Thema Kolonialismus und die Folgen - darunter Profitgier, Inhumanität, Rassismus und Gewalt - ins Beliebige.

Gockel bemüht ein stilistisches Instrumentarium, das auch in den Händen junger Regisseure furchtbar alt aussieht. Die Schauspieler haben in diesem Raum wenig Freiheit, sich zu entfalten, Profil zu gewinnen, eine Figur zu entwickeln. Sie erscheinen austauschbar, machen aber in geglückten Augenblicken immer wieder auf ihre Kernkompetenz, die Menschendarstellung, aufmerksam.

Und wo bleibt das Positive, um mit Erich Kästner zu sprechen. Die Bühne mit einem vieldeutigen Schiff im Zentrum hat Julia Kurzweg gestaltet wie ein detailreiches Untergangs-Tableau. Tolle Idee. Erst heißt das Boot "Roi des Belges", später "Roi Desolat".

Das Sounddesign und die Musik (Jacob Suske, Komi Togbonou und David Schliesing) sind eine Klasse für sich. Zusammen mit Helmut Boliks Lichtregie entsteht wirklich so etwas wie "Apocalypse Now" als theatralisches Ereignis.

Das Publikum in der Halle Beuel würdigte die Bemühungen auf der Bühne mit großem Applaus.

Die nächsten Aufführungen: 28. April, 3., 6., 17., 20., 22., 28. und 30. Mai. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.