Ausstellung im Kunstmuseum Bonn Louisa Clement zeigt den optimierten Mensch

Bonn · Mit dem Gewinn des Bonner Kunstpreises hat Louisa Clement auch eine Ausstellung im Kunstmuseum gewonnen. Dort präsentiert sie irritierende Visionen.

 Louisa Clement hinter dem Plexiglas-Schrein, in dem ihre künstlerische DNA in einer winzigen Kapsel bewahrt wird.

Louisa Clement hinter dem Plexiglas-Schrein, in dem ihre künstlerische DNA in einer winzigen Kapsel bewahrt wird.

Foto: Benjamin Westhoff

„Ich mache dich perfekt, die Zukunft wird dir gehören“, die Botschaften im Video kommen verheißungsvoll und gehen, um neuen Versprechungen Platz zu machen: „Ich lösche die Krankheit aus deinem Code“, der Körper bekommt ein Upgrade, bevor er geboren wird. Zukunftsmusik? 2020 bekamen die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die Biochemikerin Jennifer Doudna für ihre Erfindung „Crispr/Cas9“ den Chemie-Nobelpreis. Unter „Crispr/Cas9“ versteht der Laie eine Genschere, mit der Gene einzeln entfernt, hinzugefügt und verändert werden können. 2023 wurde die Schere bereits in der EU zu therapeutischen Zwecken erlaubt, um zwei schwere Bluterkrankheiten bei Menschen zu heilen. Ein Meilenstein, wie es in Forscherkreisen heißt.

Louisa Clements sehenswertes Video „Off-Target Effect“ (2023) hält sich in der Bewertung eher zurück: Wir sehen eine Kanüle, die sich einem Zellhaufen nähert und hineinsticht, dann Buchstabenkolonnen aus der menschlichen DNA, die per Mausklick bearbeitet werden, Diagramme, einen Krankheiten-Katalog, der von Makuladegeneration und Alzheimer bis Lungenkrebs und Herzinfarkt reicht. Und zwischen den Diagrammen und Petrischalen ist in Texten die Rede von Optimierung und Design, von Fehlern, die korrigiert werden, von Perfektion und Scheitern. Der Genforscher als Gott in Weiß, als Megakünstler, der den neuen, perfekten, geistig und ästhetisch optimierten Menschen erschafft, ist aus Clements Bildern und Texten ebenso herauslesbar wie die Hybris von Eltern, die ihr Wunschbaby designen. Andererseits aber auch die Furcht vor makellosen, stromlinienförmigen Wesen und vor der Auslöschung von vermeintlich krankhaften Zügen.

Das Individuum im digitalen Raum

Wo bleibt das Individuum im digitalen Raum? Das ist eine Frage, der Clement schon seit Jahren nachspürt, ebenso wie der Frage nach den Gründen, in den Plan des Lebens eingreifen zu wollen. Mit ihren Ideen begeisterte Clement 2023 die Jury des Bonner Kunstpreises und erhielt das damit verbundene Reisestipendium, das von dem Bonner Sammlerpaar Stephanie und Wolfgang Bohn finanziert wird. Zum Kunstpreis-Paket gehört der Ankauf eines Werks für das Kunstmuseum Bonn und eine Ausstellung.

Clement, 1987 in Bonn geboren und Meisterschülerin von Andreas Gursky an der Kunstakademie Düsseldorf, wählte Paris als Reiseziel, wo sie ihre Studien zum Thema DNA weiterführen konnte. Sie knüpfte dabei an frühere Arbeiten an, etwa an die winzige Kapsel „Compression“, in der die synthetische DNA der Künstlerin und ihres kompletten Werks enthalten sind. Informationen, die sich auch unter die Haut injizieren lassen. Clement spricht von einer „Sicherheitskapsel gegen Verlust“. Ihre Experimente zur Künstlichen Intelligenz (KI) führten zur Erschaffung einer lebensgroßen Kopie, einem Roboter-Klon, der launisch, lustig, anregend sein konnte und bis vor wenigen Tagen die Besucher der Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ im Kunstmuseum gleichermaßen faszinierte wie verstörte.

Jetzt zeigt Clement neben dem Video „Off-Target Effect“, der Kapsel „Compression“ und den Modellen für eine männliche und weibliche Sexpuppe die ganz neue, präzise Arbeit „Believers“ (Gläubige). Auf dem Evangelischen Kirchentag in Nürnberg und Fürth traf sie 2023 auf einen kompletten, per KI generierten Gottesdienst inklusive Predigt, die von einem Avatar zelebriert wurden. Was in Südkorea, so Clement, gang und gäbe sei, hatte im Juni 2023 seine Deutschland-Premiere. „Alexa, starte den Gottesdienst!“ Nicht ganz, aber doch so ähnlich startete der erste KI-Gottesdienst Deutschlands in St. Paul in Fürth, berichtet die Internetseite „Der Kirchentag“, zeigt ein Video und verzeichnete bei den Gläubigen Murren und Skepsis. Einig war sich ein anschließendes Podium, dass KI keinen Ersatz für Menschen im Gottesdienst schaffen könne.

Digital erzeugt: Priester und Gemeinde

Clement enthält sich in ihrem Film „Believers“ des Kommentars, steigert die Idee von KI und Avataren dahingehend, dass nicht nur der Prediger künstlich erzeugt ist, sondern auch die Gemeinde. Eine gespenstische Vision. Zu der passt, dass auch die Predigt selbst von einem lernenden Computerprogramm generiert wurde. Brisanter Inhalt: Es geht bei diesem Treffen von Avataren und KI perfiderweise um „Körper, Seele, Authentizität und das Miteinander“.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
Der Pianist Marcus Schinkel im „Piano
Marcus Schinkel rockt Beethoven
Der „Piano Club“ im Pantheon BonnMarcus Schinkel rockt Beethoven
Sex und andere Beziehungsfragen
Premiere im Theater Marabu Bonn Sex und andere Beziehungsfragen