1. News
  2. Kultur & Medien
  3. Regional

"Man kann auch ohne Grothe leben"

"Man kann auch ohne Grothe leben"

Während die Gerüchteküche bereits in der überregionalen Presse brodelt, versucht die Stadt Bonn erfolglos, das Thema Verkauf der Sammlung Grothe aus der Diskussion zu nehmen

Bonn. Von einem "Sammlungspoker am Rhein" schreibt die "Berliner Zeitung", und sie kommt zu dem Schluss: Das Ganze sei ein abstoßendes Lehrstück darüber, wie das Verhältnis von Sammler und Stadt nicht sein dürfe. Das Blatt schlägt den großen Bogen von Hans Grothes bisherigen Bilderverkäufen bis zur Riesenpleite, die Grothes Adlatus Walter Smerling mit der Bonner Millenniums-Schau "Zeitwenden" hinlegte.

Die Zeitung "Die Welt" rechnet bereits vor, dass die angeblichen Käufer der in Bonn beheimateten Grothe-Sammlung, Sylvia und Ulrich Ströher, genug Geld zusammen haben, um den Grothe-Coup durchzuziehen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schließlich rät der Stadt Bonn, Sammlern nicht länger zu erlauben, das Kunstmuseum "wie eine Bank" zu behandeln.

Mag die Bonner Stadtspitze noch so sehr versuchen, das Thema Sammlungsverkauf unter der Decke zu halten, das Problem ist in der Welt - und regt viele mächtig auf. Seitdem Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann am Montag knapp, aber mit genügend Details, um die Spekulationsküche richtig anzuheizen, auf eine Meldung des Hamburger Kunstmagazins "art" reagierte, blühen die Gerüchte.

Als sicher gilt folgendes: Die Stadt verhandelt mit potenziellen Käufern der Sammlung Grothe, genannt werden die Ströhers, und sie versucht zumindest die Hauptstücke der Sammlung für Bonn zu sichern. Bärbel Dieckmann soll bereits mit den Fraktionsführern und Kultursprechern der Ratsparteien gesprochen haben - schließlich wäre der neue Vertrag ein Fall für eine Ratsentscheidung. Ein entsprechender Vertragsentwurf soll bereits in der Stadt kursieren.

Alles erinnert an den ersten Grothe-Vertrag, dessen genauer Inhalt offensichtlich noch immer nicht der Bonner Öffentlichkeit zuzumuten ist. Er blieb weitgehend geheim. Jedenfalls bietet er Grothe weitgehende Freiheiten und sichert dem Sammler zu, dass seine rund 800 Werke mit Steuermitteln gelagert und restauratorisch betreut werden, während nur 40 Bilder in Bonn gezeigt werden können - selbstverständlich nach Absprache mit Grothe und dem Chef des Duisburger Grothe-Museums, Smerling.

Auch Verkäufe von zentralen Werken der Sammlung waren wohl vertragskonform. Nun eine offensichtlich neue Runde im Vertragspoker. Kulturdezernent Ludwig Krapf hält sich bedeckt, Stadtsprecher Friedel Frechen meinte am Freitag, "über das Verfahren sagen wir nichts mehr", es sei alles noch zu sehr im Fluss. Sonst wird nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

Die Forderungen nach Transparenz und die Klagen über den drohenden Imageverlust sind kaum zu überhören. Dass bereits seit Februar Kunstexperten des Auktionshauses Christie`s durch das Kunstmuseum streifen, um die Grothe-Kunst zu taxieren, und Mitarbeiter zum Stillschweigen verdonnert wurden, wird kolportiert.

Auch von großer Eile ist die Rede: Die Oberbürgermeisterin will angeblich bis zur Sommerpause den Vertrag fertig haben. Und offensichtlich ist auch Druck von der Seite des Sammlers aus im Spiel, nach dem Motto "Wenn nicht mit euch, dann mit einer anderen Stadt".

Gerhard Pfennig, Urheberrechtler im Professorenrang und Chef der im Bonner Haus der Kultur residierenden Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, kommt gerade aus Nürnberg, wo ein ähnlicher Erpressungsversuch ins Auge ging. Das dortige Neue Museum für Kunst und Design arbeitet seit einiger Zeit mit der Sammlung des Kölner Galeristen Rolf Ricke zusammen, die wiederum mit einen Konsortium verbandelt ist.

Die Sammlung wurde den Nürnbergern angeboten, hinter dem Rücken von Direktor Lucius Grisebach aber liefen Verhandlungen mit anderen Häusern. Grisebach setzte Ricke & Co. vor die Tür. Für Pfennig ist das ein Lehrstück, aus dem die Bonner ihre Schüsse ziehen können:

"Man kann auch ohne Grothe leben", meint Pfennig, "eine zu starke Fixierung auf Grothe und Ströher koppelt das Museum von der Gegenwart ab." Er spielt damit auf die Energien an, die die Pflege der Sammler und deren Klassiker bindet.

Generell plädiert Pfennig dafür, dass sich die Stadt Bonn - auch bei den anstehenden Verhandlungen - selbstbewusster zeigt. "Bonn sollte die eigenen Chancen wahren - die Stadt ist eigentlich in einer guten Position", sagt der Jurist Pfennig und rät, sich auf die Qualitäten der eigenen Bonner Sammlung zu besinnen.