Museum Ludwig Köln Mit der Zeitmaschine in die 60er

In dieser Ausstellung fliegen die Fetzen. Es kracht, es ist laut, es riecht förmlich nach Schweiß, Brillo-Waschmittel und Campbell-Tomatensuppe, nach Zigarettenrauch und billigem Parfüm, nach viel Haut.

 Duane Hansons Football-Spieler vor Joan Crawford von James Rosenquist

Duane Hansons Football-Spieler vor Joan Crawford von James Rosenquist

Foto: Meisenberg

Und auch ein Hauch von Napalm im Morgengrauen scheint durchs Museum Ludwig zu wehen. Da sind bunte Konsumwelt und Vietnam, Star-Glamour, Heldenmythen und die triste Seite des Lebens in Gestalt dreier Obdachloser aus der Bowery, die Duane Hanson Ende der 60er Jahre täuschend echt aus Fiberglas und Polyester geschaffen hat.

Die drei verwahrlosten Männer liegen im schicken Entree zur Kölner Ausstellung "Ludwig Goes Pop". Man übersieht sie fast, wie nahezu alle Protagonisten aus Hansons Welt. Sie stehen dem grenzenlosen Hedonismus im Weg, der diese Zeit des Aufbruchs charakterisiert. Auf gelben Stufen, durch ein gelbes Vestibül betritt der Besucher die Zeitmaschine in die 60er und 70er Jahre. Köln feiert die Pop-Art - die wie kaum eine andere Kunst, den Zeitgeist zu ihrem Motor machte - wie es schöner, opulenter und geistreicher nicht geht.

Warhols Brillo-Boxen und seine Tomatendosen, Pepsi-Schilder und ein VW-Käfer empfangen den Besucher als Exponenten einer bunten Warenwelt, die von der Kunst vereinnahmt wird. Sie begegnen der weichen, fließenden Fetischwelt Claes Oldenburgs.

Kaum ein Werk in dieser Ausstellung, das man nicht kennt - dank kluger Themensetzung, Gruppierung und Inszenierung wird es aber nicht langweilig. Außerdem: Köln zeigt in dieser mit 150 mitunter raumfüllenden Arbeiten üppig bestückten Schau das Beste der Pop-Art. Aus einer Hand: Denn erstmals kann man in der Fülle das Sammlerwerk von Peter und Irene Ludwig sehen, auf Relevanz und Stimmigkeit testen.

Das Ehepaar Ludwig hat eine der größten Pop-Art-Sammlungen außerhalb der USA aufgebaut, die in einem Atemzug mit der des Mailänders Giuseppe Panza und des Darmstädter Wella-Erben Karl Ströher genannt wird. Die Ludwigs verteilten ihre Kunstwerke auf halb Europa, die Basis aber war Köln.

Wie zu einem großen Familientreffen sind die Meisterwerke jetzt zusammengekommen: aus Aachen und Wien, Budapest, Basel und Koblenz. Die Kuratoren von "Ludwig Goes Pop", Stephan Diederich und Luise Pilz, konnten in die Vollen gehen, was sie auch genutzt haben. Selten hat man im Museum Ludwig eine so großzügige, sich über drei Etagen ausbreitende Schau gesehen.

Sie startet mit der Gegenüberstellung von Waren- und Fetischwelt. Durch die "Fransen" eines quer hängenden Panzers von James Rosenquist hindurch betritt der Besucher ein spannendes Kapitel, das der Beschäftigung der Pop-Art mit Kunstgeschichte und Künstlern gewidmet ist.

Dann ein spannender Exkurs: Jasper Johns und Robert Rauschenberg, beide wichtige Stichwortgeber, aber keine Pop- Art-Künstler, werden mit zentralen Werken in einer eher dichten Warenlager-Situation präsentiert, dann darf Johns sich mit Flaggenbildern, Zielscheibe und der riesigen Landkarte von 1967-71 im großen Emporenraum ausbreiten. Ein erster Höhepunkt des Parcours.

Dann folgt Schlag auf Schlag: Im "Heldenraum" gehen Hansons Footballspieler auf einander los, links und rechts je ein Warhol-Fries, einmal Marilyn Monroe in bunten Farben, einmal Mick Jagger mit unterschiedlicher Mimik; eine Reihe von herrlichen Bildern von Richard Lindner leitet über zu einer hocherotischen Enfilade, die an Mel Ramos blonder Nackter auf dem Nilpferd vorbei förmlich im Erdbeermund von Wesselmanns schöner Frau mit Zigarette und Orange landet. Ein Blick nach links, da steht eine kaum bekleidete Schöne von Allen Jones auf High-heels. Titel: "Perfect Match".

Wenige Schritte weiter folgt der schroffe Themenwechsel: Edward Kienholz' Kriegs-Memorial, Warhols Autounfälle, Totenschädel und Rassenunruhen. Die Pop-Art lebt von Kontrasten. Lebt sie noch? Eine Ausstellung über Pop-Art ist auch eine Schau über den Verfall: Größte Restauratorenexpertise kann nicht verhindern, das Pappkarton altert, Metall anläuft, Plastik sich verfärbt.

Mancher Rauschenberg sieht wirklich alt aus. Pop-Art und Patina - das geht nicht zusammen. Und wer sich an John de Andreas wunderbar verführerische liegende Nackte von 1974 erinnert, ist entsetzt. Der dunkelfleckige Akt ist kein Fall mehr für einen potenziellen Liebhaber, sondern für den Pathologen.

Doch nagt der Zahn der Zeit noch so am Material: Vieles bei "Ludwig Goes Pop" wirkt lebendig, wahrscheinlich wie am Tag, als die Ludwigs ihre Schätze erstmals in Köln zeigten: 1969 im Wallraf, "Kunst der sechziger Jahre". Sie hatten zwar den Start der Pop-Art verschlafen, Peter Ludwig mochte sie zunächst gar nicht. Doch dann packte sie ihn. Mit atemberaubender Dynamik stiegen die Ludwigs in den Wettlauf um die besten Stücke ein - und gewannen ihn wohl.

Die Schau dokumentiert neben dem Siegeszug der Pop-Art diese Entwicklung, die 1976 zu einer Schenkung der meisten Arbeiten an die Stadt Köln und letztlich zur Gründung des Museums Ludwig führte. Der Rest ist Geschichte, eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

Museum Ludwig Köln; bis 11. Januar. Di-So 10-18 Uhr. Eröffnung: Mittwoch 19 Uhr, Katalog 29,80 Euro

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