Pavarottis Nachfolger

Der Tenor Alessandro Liberatore überzeugt noch nicht restlos in der Bonner Beethovenhalle

Bonn. Eigentlicher Star der derzeit durch Deutschland tourenden "Belcanto Opern Gala" mit Wunschkonzert-Schmankerln aus Werken der "Fünf Apostel" Rossini, Donizetti, Bellini, Verdi und Puccini ist zweifelsfrei der junge polnische Dirigent Pawel Przytocki.

Sein tänzerischer Stil, die Energie, die er damit freisetzt, sie findet unmittelbaren Widerklang in einem glänzend parierenden und äußerst vital sekundierenden Orchester, dessen schattierungsreiche Italianità vor unbändiger Spiel-Lust nur so sprüht.

Ähnliche Temperamententfaltung gelingt Przytocki auch beim Chor. Was da unter "Coro e Orchestra dell'' Opera Italiana" firmiert, ist also in nichts zu vergleichen mit jenen dubiosen Tournee-Ensembles, die uns alle Jahre wieder zu Weihnachten heimsuchen. Nein, diese Operngala ist wirklich seriös und hätte eine ausverkaufte Beethovenhalle verdient.

Den äußeren Anlass für diese Tournee gab ein Orakel aus dem Munde des Ältesten aus der tenoralen Trias, Luciano Pavarotti, der sich dazu verstiegen hat, Alessandro Liberatore, seinen (einzigen!) Schüler, zu seinem Nachfolger zu küren. Damit lastet ein schweres Erbe auf den Schultern dieses erst 26 Jahre jungen Sängers - und eine große Verantwortung gegenüber einer Stimme, die noch ein bisschen reifen sollte, um die Gefahren des Belcanto schadlos zu überstehen.

Noch klingt da manches etwas rau, was auch damit zusammenhängen mochte, dass Liberatore unzureichend eingesungen auftrat. Natürlich ließ er sich mit der Glanz-Rolle seines Meisters, der Arie "Una furtiva lacrima" des Nemoreno aus "L''elisir d''amore" hören, deren Übergänge nicht immer sauber gerieten und zum Schluss gar einen Ausflug ins Falsett nötig machten. Cavaradossis "E lucevan le stelle" aus "Tosca" gelang da schon geläufiger.

Stimmlich eine weit bessere Figur machte Antonio Interisano, der sich reservenreich mit "La donne è mobile" aus "Rigoletto", vor allem aber der berühmten "Nessun dorma"-Arie aus "Turandot" durch ein seidig warmes Timbre und wunderbaren Schmelz in Szene setzen konnte.

Höchste Gefahr im Vollzuge hingegen ist bei der noch keine zwanzig Lenze zählenden Sopranistin Alice Casarotti, der Laurettas "O mio babbino caro" aus "Gianni Schicchi" sowie die "Follie"-Arie der Violetta aus "La Traviata" zwar sicher gelangen, für derartige Stimmband-Athletik eigentlich aber noch viel zu jung ist.

Einer solchen zeigte sich hingegen Maura Menghini in "Casta diva" aus "Norma" ebenso gewachsen wie in der mit lyrischer Anmut dargebotenen Arie "Mi chiamano Mimi" aus "La Bohème".

Für eine anekdoten-angereicherte Moderation sorgte ein dirigierender und (mit)-singender Enrico Stinchelli, hauptberuflich Klassik-Plauderer bei der RAI.

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