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Jan Garbarek beim Jazzfest Bonn: Pure Klangmagie

Jan Garbarek beim Jazzfest Bonn : Pure Klangmagie

Die Jan Garbarek Group begeistert beim Jazzfest-Konzert im Bonner Telekom Forum mit tollen Soli und einer fantastischen Ensembleleistung

Viele Worte braucht der eher spröde Norweger Jan Garbarek nicht, um seine Band zu dirigieren. Man versteht sich geradezu blind. Hier ein Lächeln, dort ein Augenzwinkern reichen, um mit einer unglaublichen Präzision pure Klangmagie zu erzeugen. Mit dem Jazzfest-Publikum kommuniziert Garbarek nicht. Zumindest nicht verbal. Aber er erreicht alle im nahezu ausverkauften Telekom Forum. Er lässt den Wind rauschen, sein Saxofon in wunderbaren Melodien schwelgen, flutet das Forum mit einer Klang- und Geräuschwelle und nimmt alle mit auf die Reise in den Garbarek-Kosmos.

Und alle liegen dem 74-jährigen Weltstar mit dem unvergleichlich klaren, harten und auch mal einschmeichelnd zarten, warmen und fragilen Saxofonsound schon nach dem ersten Lied aus der Suite „Molde Canticle“ begeistert zu Füßen. Aber was heißt hier ein Weltstar? Garbareks ganze Group besteht aus Legenden, die mit jedem gespielt haben, der in der Jazzwelt einen Namen hat.

Wunderbar entrückter Start

Den Inder Trilok Gurtu (69) etwa nur als Schlagzeuger zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung. Wenn er inmitten seiner Trommeln, Becken, der Tabla und mehreren Dutzend Perkussionsinstrumenten inklusive klangvariablem Zinkeimer sitzt, zaubert er den Soundkosmos, in dem sich Garbareks Melodien ausbreiten können. Der grandiose Rainer Brüninghaus (71) am Piano begeistert gleichermaßen als Minimalist, der einfache Themen auf dem Keyboard entwickelt, wie als Meister der musikalischen Opulenz, der in die Vollen und die Tasten des Flügels greift und das In­strument an seine Grenzen zu bringen droht. Das Ganze, ohne die Miene zu verziehen. Da ist der Brasilianer Yuri Daniel (55), der 2007 für Eberhard Weber als Bassist in die Garbarek Group kam, anders drauf. Mit seinem schönsten Lächeln, seinem fünfsaitigen E-Bass und höchster rhythmischer Präzision grundiert Daniel Garbareks Klangwolken, lässt funkige Funken sprühen, gibt sich auch mal ganz melodieverliebt. Lächelnd, natürlich. 

Hinein in das Meeresrauschen setzt Brüninghaus das erste, schlanke Thema aus „Molde Canticle“ von 1990. Garbarek nimmt es mit dem Sopransaxofon auf, Daniel und Gurtu machen daraus mit der Wucht der Bässe großes Kino. Unterbrochen von „Buena Hora, Buenos Vientos“ spielen Garbarek und seine Musiker vier Teile von „Molde Canticle“.

Mit „Tao“ kommt das erste Solo

Ein wunderbar entrückter Start in eine fast zweistündige Weltmusiktour ohne Pause. Man hört näselnde Urlaute und eingängige Melodien, rhythmisch komplexe Phasen, Stücke im Walzertakt oder lateinamerikanisch angehaucht, getragen und vorwärtsdrängend, Mittelalterliches und Progressives. Das Spektrum ist riesig und ausufernd. Mit Daniels „Tao“ kommt das erste Solostück des Abends, ein entfesseltes, wildes Bass-Stück, in dem Daniel nicht nur zeigt, was er drauf hat, sondern welches Melodiepotenzial der Bass hat.

Jeder von Garbareks Musikern bekommt sein ausgedehntes Solo. Brüninghaus legt mit „Transformations“ ein packendes, hochkomplexes Stück vor, das einen Spannungsbogen von einem sehr zarten Thema zur vollen Klangwucht aufbaut. Gurtu hatte schon auf dem Cajon sitzend und mit akzentuiertem Sprechgesang im Duett mit Garbarek erste Kostproben seiner unerschöpflichen perkussiven Möglichkeiten gegeben. In seinem Solo „Nine Horses“ entfesselt der in Hamburg lebende Inder ein unfassbar vielschichtiges Spektrum an Rhythmen und Geräuschen. Immer wieder zaubert er ein neues Ding hervor, dem man Klänge oder Geräusche entlocken konnte. Ein wahrer Krimi.

Alles aus einem Guss

Um diese Soli gruppierte Garbarek eigene Kompositionen aus einem guten halben Jahrhundert. Alles aus einem Guss. Das frenetisch applaudierende Publikum im Telekom Forum konnte dem Norweger, der schon nach dem letzten Stück seine Instrumententasche gepackt hatte und offenbar ins Hotel wollte, gerade einmal eine Zugabe entlocken. Die war aber extraklasse: Steve Winwoods „Had To Cry Today“. Ein großartiger Abend und ein Jazzfest-Höhepunkt.