Literatur zu Zeiten der „political correctness“ Steht die Freiheit der Kunst auf der Kippe?

Bonn · Die Romanisten der Uni Bonn organisieren eine Ringvorlesung zum Thema „Literatur zu Zeiten der ‚political correctness’“. Was die Veranstaltung zu bieten hat.

Verstörende Inhalte: Wie soll der italienische Literat und Filmemacher Pier Paolo Pasolini – hier bei den Dreharbeiten seines Fims „Accattone“ im Jahr 1960 – heute beurteilt werden?

Verstörende Inhalte: Wie soll der italienische Literat und Filmemacher Pier Paolo Pasolini – hier bei den Dreharbeiten seines Fims „Accattone“ im Jahr 1960 – heute beurteilt werden?

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb/epa ansa

Er musste sich wegen „Verunglimpfung der Religion“ vor Gericht verantworten, musste in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren Prozesse überstehen, bei denen es um Vorwürfe der Nacktheit und Obszönität, sexuellen Gewalt und Homosexualität sowie der an Pornografie grenzenden Erotik in seinen Filmen ging. Wie soll man heute mit dem vermeintlich skandalösen Werk des genialen, 1922 geborenen und 1975 bestialisch von einem jungen Stricher am Strand von Ostia ermordeten Filmregisseurs und Dichters Pier Paolo Pasolini umgehen? Soll man „Trigger-Warnungen“ einsetzen, um etwa junge Cineasten vor gefährdenden Inhalten zu schützen? Cora Rok vom romanistischen Seminar der Uni Heidelberg wird dazu in der neuen Ringvorlesung des Instituts für Romanistik der Universität Bonn sprechen, die die Romanistik-Professorin Claudia Jacobi für den Lehrstuhl und das Bonner Italienzentrum konzipiert hat: „Die Rolle der Literatur zu Zeiten der Political Correctness“ widmet sich einem heiß diskutierten Thema, das in einem Dutzend Veranstaltungen ventiliert wird.

„Die ganze Literaturgeschichte steckt voller Diskriminierungsdiskurse vom Rassismus bis zum Sexismus, die uns natürlich heute betreffen und verstören können, aber zu der Frage führen: Wie gehen wir damit um?“, fragt Jacobi und führt uns direkt zum Philosophen Aristoteles, der das Durchleben von unangenehmen und verstörenden Affekten wie Mitleid und Schrecken als das Ureigene der Literatur beschreibt. Er gesteht, so Jacobi, den Menschen die Fähigkeit zu, etwas Positives daraus zu lernen. Auf der anderen Seite gibt es heute Tendenzen, etwa junge Leser und Studenten vor verstörenden Inhalten zu schützen. Was vor ein paar Jahren etwa dazu führte, dass acht britische Universitäten Klassiker aus dem Kanon der Pflichtlektüre herausnahmen und mit Warnhinweisen versahen. Stichworte sind „Sensitivity Reader“, die literarische Texte nach vermeintlich anstößigen Inhalten durchforsten, und „sprachsensible Übersetzungen“: Führen sie zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft oder auf kürzestem Weg in die Zensur?

Vom Umgang mit „Blackfacing“

Jacobis Gäste werden im Rahmen der Ringvorlesung viele Facetten des Themas durchleuchten. Das reicht vom Umgang mit rassistischen Klischees wie das „Blackfacing“ – eine weiße Figur wird mit Ruß geschwärzt – in einer italienischen Novelle des 16. Jahrhunderts bis hin zu einem Streitgespräch von Marco Cristalli und Clara Stumm über eine gendergerechte Sprache – nach den Eingangsstatements der beiden Literaturwissenschaftler wird das Publikum zur Debatte aufgefordert. Ändert Gendern die Mentalität und Sprache die Realität? Oder eher nicht?

Ein Thema ist auch die vom englischen Begriff „Rape“ (Vergewaltigung) abgeleitete „Rape Culture“, die etwa in der Antike verharmloste sexualisierte Gewalt. Wie soll man heute die Göttergeschichten von Ovid lesen und deuten? Zur Sprache kommt ferner der heftig kritisierte historische Roman „Imprimatur“ des Autorenpaars Rita Monaldi und Francesco P. Sorti, in dem Atto Melani, italienischer Kastrat, Diplomat, Schriftsteller und Spion des Sonnenkönigs Ludwig XIV., eine der zentralen Rollen spielt. Der Vatikan reagierte bestürzt auf die Recherchen des Autorenduos. Von der Philosophie her nähert sich schließlich Markus Gabriel, prominenter Inhaber des Bonner Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart, dem kontroversen Thema „Die Freiheit der Kunst im Zeitalter des moralischen Fortschritts“.

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