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Schönheit muss man nicht erklären

Schönheit muss man nicht erklären

Tori Amos macht auf ihrer "Sinsuality"-Tournee Station in Bonn - Wie ein sexy Zauberwesen sieht sie aus, wirft die rote Lockenpracht lasziv in den Nacken und bearbeitet den Bösendorfer mit ungestümer Kraft

Bonn. Auf der DVD, die der Luxus-Ausgabe ihrer neuen Platte "The Beekeeper" beigelegt ist, versucht Tori Amos sich an einer Deutung der insgesamt 19 Songs. Der Zuhörer, und vielleicht auch die Sängerin, Komponistin und Pianistin, verlieren sich schnell im komplexen Kosmos des Konzept-Albums.

Es geht ums Christentum, um Maria Magdalena und die Kindheit an sich, um Vereinigungen von Menschen, um die Macht orangefarbener Unterhosen und um sechs "Gärten", in denen die Songs wie in Schubladen untergebracht sind: vom Rock-Garten bis zum Wüsten-Garten. Tori Amos hat viel zu erzählen.

Oscar Wilde hat einmal den Sieg der Schönheit über das Genie postuliert: Schönheit brauche, anders als das Genie, keine Erklärung. Das lässt sich auf die Kunst der amerikanischen Sängerin übertragen. Einige ihrer Lieder, die jetzt im Konzert auf dem Museumsplatz zu hören waren - "Jackie`s Strength" zum Beispiel -, sind von so kristalliner Schönheit, gleichsam emanzipiert vom Bedürfnis nach Analyse und Interpretation.

Da will man gar nichts mehr wissen von den "uralten weiblichen Rhythmen", die Amos früher einmal den Wellen des Meeres abgelauscht haben will. Die Künstlerin schwebte gleichsam auf die Bühne und nahm ihren Platz zwischen Bösendorfer-Flügel und Hammondorgel ein; zwei weitere Tasteninstrumente standen darüber hinaus für sie bereit.

Wie ein sexy Zauberwesen sah sie aus, warf die rote Lockenpracht lasziv in den Nacken und bearbeitete den Bösendorfer mit ungestümer Kraft. Der erste Titel, "Original Sinsuality", skizzierte bereits das thematische Kraftfeld dieses Abends: Sünde und Sinnlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Bibel.

Daneben zeigte sich sich sprachlich ganz von dieser Welt, kommentierte das Wetter ("fucking hot") und bekannte: "Ich mag Hitze. Aber das ist sogar für mich sehr heiß." Also improvisierte sie einen "Water Song". Vor knapp 2000 Leuten spielte sie atemlos herausgepresste Akkorde und sich überschlagende Läufe, hämmerte Cluster und Arpeggien in die Instrumente.

Ihre Stimme jauchzte, gurgelte, wimmerte und grollte und stieg auf Richtung Himmel. Sie war, wie die Frau, erfüllt von Kraft und Leidenschaft. Mal beugte sie sich theatralisch, wie unter Schmerzen über die Tasten, mal spielte sie gleichzeitig mit der linken Hand den Flügel, mit der rechten die Orgel: eine One-Woman-Show.

Die 41-jährige, immer noch mädchenhafte Sängerin kam auf eine Zeit zurück, in der sie in Schwulenbars und ähnlichen Etablissements in Washington auftrat und musikalische Wünsche der Gäste erfüllte. In Bonn spielte sie Elton Johns "Daniel" und ließ bei den Worten "miss him so much" eine ins Fleisch schneidende Sehnsucht spüren.

Don McLeans Vincent-van-Gogh-Porträt "Vincent" war in den Momenten von gespenstischer Intensität, in denen McLean den Maler mit dem Wahnsinn kämpfen lässt. Wer kann so etwas so intensiv ausdrücken wie Tori Amos?

"Jupiter", der letzte Song des zweistündigen Abends, war ein sakrales Erlebnis. Amos sang die Zuhörer-Gemeinde in eine glückselige Trance hinein. Dann entschwebte sie in die Nacht.