Sexuelle Belästigung MeToo-Vorwürfe gegen Kölns Generalmusikdirektor Roth

Update | Bonn · In einer französischen Wochenzeitung werfen sieben Frauen und Männer dem Chef des Kölner Gürzenich-Orchesters sexuelle Belästigung vor. In Köln wird der Musiker vorerst nicht mehr dirigieren. Das Orchester hat jetzt Namen der erster Gastdirigenten veröffentlicht, die für Roth übernehmen.

Der Kölner Generalmusikdirektor und Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth.

Der Kölner Generalmusikdirektor und Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth.

Foto: Marco Borggreve

Der Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Gürzenich-Kapellmeister, François-Xavier Roth, muss sich Vorwürfen massiver sexualisierter Belästigung stellen. Wie mehrere Medien am Donnerstag unter Berufung auf die französische Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“ berichteten, hat der Dirigent wiederholt SMS-Nachrichten eindeutig sexuellen Inhalts sowie Bilder seiner Genitalien an Musikerinnen verschickt. Wie die Zeitung in ihrer jüngsten Ausgabe vom Mittwoch weiter berichtet, sei Roths Verhalten nicht neu gewesen. Die Vorfälle haben sich laut den Recherchen des Pariser Satire- und Investigationsblatt über einen Zeitraum von Jahrzehnten ereignet. Unter den Empfängern von Roths anzüglichen Nachrichten sollen sowohl Männer als auch Frauen gewesen sein. Die Fotos und Textnachrichten liegen „Le Canard enchaîné“ nach eigenen Angaben vor.

Umfassende Untersuchungen

Die Vorwürfe wiegen so schwer, dass Roth vorerst nicht mehr am Pult des Gürzenich-Orchesters stehen wird. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Donnerstag in seiner Online-Ausgabe berichtete, ließ Orchesterdirektor Stefan Englert zu Beginn der Donnerstag-Probe des Orchesters ein Statement von Roth verlesen, das die Zeitung wie folgt zitiert: „Aufgrund der Veröffentlichung eines Presse-Artikels, der aufdeckt, dass ich in der Vergangenheit unangemessene Textnachrichten an Musiker*innen gesendet habe, werden die Orchester, die ich leite, die beschriebenen Verhaltensweisen umfassend untersuchen und Informationen zu den Vorwürfen sammeln. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, das Gürzenich-Orchester vorerst nicht zu dirigieren, um in aller Ruhe die Durchführung der Untersuchungen zu ermöglichen. Ich entschuldige mich bei allen, die ich verletzt haben könnte.“

Die Konzertprojekte, die in der nächsten Zukunft mit Roth geplant waren, will das Gürzenich-Orchester trotzdem umsetzen, hieß es in einer Mitteilung von Freitag. Man sei „derzeit in Gesprächen mit möglichen Gastdirigenten“.

Roth ist seit 2015 Kapellmeister des Gürzenich-Orchesters und steht vor seiner letzten Kölner Spielzeit. Von 2025 an soll er als Chefdirigent das SWR-Symphonieorchester leiten. Dort nehme man die Vorwürfe sehr ernst und werde die Vorwürfe prüfen, wie der Sender in einem Statement verbreitete, und ergänzte: „Ähnlich gelagerte Vorwürfe seitens des SWR Symphonieorchesters lagen und liegen dem SWR nicht vor.“ Zum Schutz Betroffener gebe es im Sender eine Beschwerdestelle gemäß AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), die entsprechenden Hinweisen nachgehen könne.

Verhalten in der Szene schon länger bekannt

Die jetzt öffentlich gemachten Vorwürfe waren in der Musikszene offenbar schon länger bekannt. So berichtete „Le Canard enchaîné“, dass der vormalige Intendant der Pariser Philharmonie über Roths Fehlverhalten informiert worden sei, als der Dirigent sich 2019 für den Posten des musikalischen Leiters des Orchestre de Paris beworben hatte. Die Wahl fiel damals auf den jungen finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä. Auch in Köln waren Berichte über Roths Verhalten gegenüber Musikerinnen nicht unbekannt. Wie Stefan Engler dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagte, sei die Beweislage jedoch nicht eindeutig gewesen: „Ich bin als leitender Angestellter der Stadt Köln verpflichtet, für ein sicheres Arbeitsumfeld zu sorgen. Aber es gab keine AGG-Beschwerde (Allgemeines Gleichbehandlungs-Gesetz, Anm. der Red.) und auch keine juristisch verwertbaren Aussagen.“

Roth leitet auch das von ihm gegründete Originalklang-Ensemble Les Siècles und ist seit 2017 Erster Gastdirigent des weltweit reommierten London Symphony Orchestra (LSO).

Die Gastdirigenten der nächsten Konzert

Das Gürzenich Ochester hat am Mittwoch bekanntgegeben, welche Gastdirigenten die nächsten Konzerte leiten werden. Das Konzert „Melting Pot“ am 15. Juni, 20 Uhr, im Carlswerk Victoria wird demnach kurzfristig Titus Engel übernehmen. Er hat dieses genreübergreifende Werk für Orchester, Hip-Hopper, Beatboxer und Tanz bereits 2021 dirigiert. Engel ist bekannt für seine Expertise sowohl für historische Aufführungspraxis wie zeitgenössischer Musik.

Mariano Chiacchiarini wird das Konzert des Kölner Bürgerorchesters am 29. Juni, 20 Uhr, in der Kölner Philharmonie dirigieren. Er leitet schon seit mehreren Jahren die Einstudierung des Bürgerorchesters und dirigierte das Orchester zuletzt beim Silvesterkonzert in der Kölner Philharmonie.

Das geplante Sonderkonzert „Infinity“ am 4. Juli, 20 Uhr, in der Kunststation St. Peter wird Oscar Jockel übernehmen. Dem jungen Dirigenten wurde 2023 für sein bisheriges Schaffen als Komponist und Dirigent der Herbert von Karajan Preis verliehen. Für die Abonnementkonzerte am 23., 24. und 25. Juni 2024 ist das Orchester laut Mitteilung mit möglichen Ersatzdirigenten im Gespräch. Das Gürzenich-Orchester werde zeitnah nähere Informationen veröffentlichen, hieß es am Mittwoch.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort