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Yes-Gitarrist Steve Howe im Interview: Sound und Schönheit

Yes-Gitarrist Steve Howe im Interview : Sound und Schönheit

Die britische Band Yes gibt ein Konzert in Bonn. Der stilprägende Gitarrist Steve Howe ist seit 1970 Mitglied der 1968 gegründeten Rockformation. Wir haben mit ihm gesprochen.

Als die britische Progressive Rock-Band Yes Ende der 1960er Jahre den populären Beat und den Psychedelic Rock zu einem neuen Stil verband, fiel sie schon wegen ihres Sängers auf: Jon Anderson, der Mann mit der ungewöhnlich hohen Stimmlage und den fantasievollen Kostümen, die ihm eine Zeit lang Marianne Evans aus Bonn schneiderte, Witwe des Badfinger-Musikers Tom Evans.

Ab 1970 wurde die stilprägende Musik von Yes vor allem durch Steve Howe beeinflusst. Der Gitarrist, der auf manchen Stücken auch live auf der Bühne mehrmals die Instrumente wechselt, ist bekannt für seine Obsession, Klangfarben zu kreieren.

Für viele stieß Yes neue Türen in der muffigen und beatorientierten Gedankenwelt der 1970er Jahre auf. Diese neue Klangwelt, die ungewöhnlichen Texte, die Bilder von Roger Dean auf ihren Plattencover – das alles war so, als hätte Yes etwas geschaffen, auf das die jungen Leute damals gewartet hatten, aber nicht wussten, dass es so etwas überhaupt geben könnte. Das galt auch für die Musik anderer Bands, die einen ähnlichen Weg wie Yes gingen: King Crimson, Genesis, Jethro Tull.

Am 23. Mai spielt Yes zwei Alben, die für den Beginn und das Ende der 1970er Jahre gelten, live im Brückenforum Bonn-Beuel: „Fragile“ und „Drama“. Mit Steve Howe (69) sprach Cem Akalin.

Steve, gibt es für Sie so etwas wie eine Erweckung? Wie haben Sie Ihren Stil entwickelt?
Steve Howe: Ich bin 1970 zu Yes gestoßen, nachdem die Band schon einige Alben gemacht hatte. Mein Stil passte zur Band, und der war beeinflusst worden von der Geburt der instrumentalen Gitarrenmusik, zum Beispiel der Shadows und anderer Rock 'n' Roll-Bands. Und dann entdeckte ich Chet Atkins, sehr geschmackvoll, stilistisch sehr reif. Ich sah Leute wie Wes Montgomery und andere große Gitarristen, die mich inspiriert haben.

Ihr Stil, der von Flamenco, Blues und Rock, Klassik bis hin zum Country alles absorbiert und zu etwas Neuem kreiert hat, ist so ungewöhnlich, dass man Sie unter allen Gitarristen sofort heraushört. Was ist Ihnen an Ihrem Sound wichtig, wie gehen Sie vor?
Howe: Der Gitarrensound ist wie eine Stimme. Du hast deine eigene Stimme, ich habe meinen eigenen Stimmklang. Es hängt auch davon ab, wie du die Gitarre spielst. Wes Montgomery zum Beispiel schlug die Saiten meistens mit dem Daumen an. Das gab ihm einen so individuellen Sound. Ich benutze zum Beispiel sehr ungewöhnliche Plektrums.

Ja, ich habe gelesen, dass das welche sind, die es gar nicht zu kaufen gibt und aus einem bestimmten Material sind.
Howe: Genau. Außerdem benutze ich Jazzgitarren – für Rock 'n' Roll. Ich stand schon immer auf dem Farbenreichtum von Vollresonanz-Gitarren. Das war sicher die Basis meines Sounds. Aber bei der Suche nach meinem Sound, da habe ich auch immer wieder mal die Gitarre gewechselt, bis ich gemerkt habe, dass ich in der Gibson-Gitarre tatsächlich das Fundament für meinen eigenen Sound habe. Als wir am Album „Fragile“ gearbeitet haben, da habe ich die akustische Gitarre für mich wieder entdeckt. Damals habe ich mich gefragt, ob die Leute mich dennoch am Stil wieder erkennen.

Und?
Howe: Ja, haben sie. Ich denke, dass ein Teil meiner Ausdrucksform sicherlich die Mischung unterschiedlicher Gitarren und Stile ist. Ich spiele auch mal ein Banjo, die Mandoline oder oft die Steel-Gitarre, die zu meinen Lieblingsgitarren gehört.

... und für diesen singenden, wiegenden, hymnischen Sound sorgt …
Howe: Sie erzeugt genau die Stimmung, wie ich sie mir vorstelle! Ich denke, Sound kommt mit deiner Persönlichkeit.

Was bedeutet Schönheit für Sie?
Howe: Ich liebe schöne Gitarren, ich liebe wunderschönes Gitarrenspiel. Weiß du, ich mag keine Leute, die ihre Gitarren auf der Bühne zerschlagen, die einfach nur nach Schmutz („Grunge“) klingen. Das ist für mich ein eindimensionaler Anspruch. Wenn diese Leute wüssten, wie schwer es ist, eine gute Gitarre zu bauen, würden sie sie nicht zerschlagen. Wie kann man nur?

Schönheit!
Howe: Ja! Schönheit kommt in der Kunst vor. In der Natur. Das Gesicht einer schönen Frau hat eine gewisse Symmetrie. Wir lieben schöne Frauen aufgrund dieser besonderen Linien, die dein Unterbewusstsein als „schön“ erkennt. Wenn Leute einen Song mögen, ist es eigentlich der Sound, der sie anspricht. Deshalb spielen Produzenten im Kreativprozess der Musik eine so große Rolle. Auf „The Yes Album“ habe ich mit Eddy intensiv an meiner Klangwirkung gearbeitet.

Eddy Offord war eine Legende als Produzent in der Progrock-Szene. Er hat auch Emerson, Lake & Palmer produziert. Welche anderen Gitarristen haben für Sie einen „schönen Sound“?
Howe: Jimi Hendrix, Jimmy Page, Jeff Beck, Brian May. Und es gibt welche, die mit sehr grässlichem Klang spielen. Das mag ich nicht. Das hat mit Schönheit nichts zu tun, eher mit dem Gegenteil. Selbst wenn du Kontraste brauchst. Wenn wir über Schönheit reden, dann reden wir eigentlich über die Natur. Und die Musik ist ein Symbol für die Natur. Musik imitiert die Natur.

An was denken Sie, wenn Sie Ihre Gitarrenparts komponieren? Denken Sie in Bildern, Gefühlen?
Howe: Oh, das ist nicht einfach – an Wasser, Farben auf Papier. Mein Wasser-Farben-Papier ist eine Gitarre mit Aufnahmegerät.

Wenn man Sie live erlebt, dann wirken Sie sehr in sich gekehrt. Ist es auch Arbeit für Sie?
Howe: Nein, überhaupt nicht. Denn die Arbeit liegt ja hinter mir.Auf der Bühne bin ich ein Künstler. Dann will ich einfach nur die Musik live präsentieren, ich will die Musik und das Gitarrenspiel genießen. Ich möchte respektiert werden, für das, was wir geschaffen haben.

Ich habe Euch vor zwei Jahren in Mainz erlebt. Da haben Sie komplett die Alben „The Yes Album“ (1971), „Close to the Edge“ (1972) und „Going for the One“ (1977) gespielt, kein einziges Stück vom damals frischen Album „Heaven & Earth“. Und jetzt stehen wieder zwei ältere Alben auf dem Programm. Ist das Sehnsucht nach der Vergangenheit?
Howe: Nein, ich mache keine Platten, weil ich Sehnsucht nach der Vergangenheit habe! Mein letztes Solo-Album hieß bezeichnenderweise „Time“.

In diesem Jahr stehen bei der Tournee „Fragile“ und „Drama“ auf dem Programm. Warum diese beiden Alben?
Howe: „Fragile“ haben wir auf der US-Tour gespielt, und es kam ganz großartig an. In Europa haben wir es nie an einem Stück gespielt, und die Abfolge der Stücke auf dem Album ist ganz interessant. Es bietet viel Abwechslung mit Soli und Gruppenspiel. „Drama“ ist eine ganz andere Sache. Es ist ein ziemlich gruppengetriebenes Album. „Fragile“ stand Anfang der 70er Jahre, und „Drama“ am Ende. Ich finde die Kombination ganz interessant.

„Drama“ hat eine andere Soundphilosophie. Das Album steht schon für die Klangästhetik der 1980er Jahre, oder?
Howe: Ja, das New Age hatte sicherlich seine Wirkung auf uns gehabt. Deswegen gibt es auch Songs wie „Owner of a Lonely Heart“. Aber ich bin immer noch voller Neugierde, um Neues zu machen. Und solange die Flamme noch brennt und uns inspiriert, so lange werden wir auch noch weiter Platten machen – mit Jon, Billy und Allen und Geoff.

Die früheren Yes-Mitglieder Jon Anderson, Rick Wakeman und Trevor Rabin haben sich jetzt auch zusammengetan. Was denken Sie darüber?
Howe: Ich habe noch nichts gesehen oder gehört von ihnen. Ich wünsche ihnen viel Glück. Ich meine, Yes hat einen unzweifelhaften Anspruch. Jeder kann es spielen, wenn er ihm gerecht wird. Dann wird es eine wunderbare Sache.

Rick Wakeman sagte gerade, die Idee von Yes sei mit Chris Squire gestorben.
Howe: (lacht laut auf) Warum spielt er dann noch Yes?

Wer hat denn den wahren Yes-Sound?
Howe: Kein einzelner! Das ist ja nichts, was man herumreicht wie einen Hut! Chris fände so eine Aussage nicht gut, „Yes würde mit ihm sterben“. Ich weiß das! Er hätte ihm widersprochen. Genau das war es, was er nicht wollte.

Chris Squiers Tod ist ein herber Verlust. Wird Billy Sherwood ihn ersetzen können?
Howe: Billy macht das hervorragend. Und es ist ja nicht leicht, diese komplexen Stücke zu lernen. Natürlich fehlt uns allen Chris. Billy ist ohne Zweifel ein großartiger Musiker.

Schließen Sie aus, dass es noch mal eine Zusammenarbeit mit Jon Anderson und Rick Wakeman kommt?Howe: (nach einer Pause) Die Frage entbehrt eigentlich der Logik. (Pause) Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Es reicht nicht aus, einfach zu sagen, ich möchte in einer Gruppe sein. Es ist mit vielen Verpflichtungen und viel Einsatz verbunden.

Es ist ja schon im richtigen Leben schwierig, Menschen zu treffen, mit denen man seine Gedankenwelt teilen kann.
Howe: Ja, aber du musst eben auch akzeptieren, wenn es nicht mehr richtig läuft. Persönlichkeiten und Kreativität verbinden sich schlecht, wenn der Fluss das Fundament unter der Brücke weggerissen hat.

Was ist die Konsequenz?
Howe: Dann musst du dich eben mit anderen Leuten zusammentun. Es ist etwas anderes, ob du deine Solo-Projekte verfolgst oder in einer Gruppe bist, wo du auch mal Kompromisse eingehen musst. Jetzt mit Jon Davison und Geoff Downes geht das Konzept Yes weiter. Wir haben gelernt weiterzugehen.

Und wie sieht dieser Lernprozess aus?
Howe: Wir vertrauen nicht auf Nostalgie, sondern auf Fortschritt. Unsere Musik kann nicht in Nostalgie verharren, weil es dann kein Progressive wäre!