Unbekannte Facetten des Malers Emil Nolde Tiefe Blicke in eine neue Welt

Bonn · Für viele ist er schlichtweg der Maler der Blumen und Gärten und weiten norddeutschen Landschaften in ihrer vollfarbigen Pracht. Wie kaum ein anderer Künstler hat uns Emil Nolde (1867-1956) gelehrt, diese Landstriche mit seinen Augen zu sehen - den weit gespannten Himmelsbogen, über den am Abend Wolkenstreifen in glühendem Farbwechsel ziehen, die Gärten in ihrer frischen Leuchtkraft, die sattgrünen Wiesen.

 Harte Kontraste: Emil Noldes "Schlepper auf der Elbe" von 1910.

Harte Kontraste: Emil Noldes "Schlepper auf der Elbe" von 1910.

Foto: Hamburger Kunsthalle

Zugegeben: Einen solchen Farbenrausch haben wir in Deutschlands hohem Norden kaum je vor Augen gekriegt. So und nicht anders sieht für uns jetzt das Land zwischen Nord- und Ostsee aus. Und nun staunt man in der Hamburger Kunsthalle nicht schlecht: In der rund 200 Werke umfassenden Ausstellung "Nolde in Hamburg" zeigt sich der expressionistische Maler von einer ganz anderen, härteren Seite.

Im Februar 1910 reist der Künstler aus dem kleinen Tondern im deutsch-dänischen Grenzgebiet in die für ihn nächstgelegene Metropole, weil ihm die Commeter'sche Kunsthandlung, die sich für die Avantgarde stark macht, eine erste große Retrospektive ausrichten will. Sie bringt ihren Gast in Petersens Hafen-Pension unter, für 1,20 Mark die Nacht inklusive Kaffee.

Von seinem Fenster aus hat er einen umwerfenden Blick über den Hafen. Eine neue Welt tut sich ihm auf. Er bleibt länger als geplant. Von einem schwankenden Boot aus fertigt er fast wie im Rausch über 100 Tuschzeichnungen, dunkeltonige Aquarelle und Radierungen an. Später im Atelier malt er einige dieser Motive in Öl. Die Rolle der Farbkraft hat jetzt eine kühn die Gegenstände und Figuren umreißende Linie übernommen, mit der der Künstler spannungsreiche rhythmische Geflechte erzeugt und der brodelnden Welt des sich soeben zu einem technischen Koloss mausernden Hafens ein zeitloses Gesicht verleiht.

Die komplette Ausbeute dieser Periode ist in der Schau vereint. Schicksalhaft seien diese kalten Winterwochen für ihn gewesen, schreibt Nolde. Da sieht man Schlepper auf der Elbe, die dunkle Rauchfahnen aus ihren Schornsteinen pusten, düstere rostige Schiffe im Dock, qualmende kleine Dampfer, Duckdalben, an denen Schiffe dümpeln, turmhohe Kräne und imposante Eisenbrücken: eine gespenstische Techno-Szenerie mit nur wenigen Menschen, aber voller Dynamik und Kraft. Den Kollegen Karl Schmidt-Rottluff reißen diese neuartigen Blätter so vom Stuhl, dass er ausruft: "Die sind ja ganz schwachsinnig fein!"

Doch nicht nur die vielfältigen Inspirationen sind es, die Hamburg für Nolde so wichtig machen. Hier findet er auch seine ersten Bewunderer und Sammler. Diesem Kapitel ist der zweite Teil der Schau gewidmet. Und da wird es auch wieder postkartentauglich: Blumengärten, Mädchen mit Blumen, Blaue Iris, Mohn und Blaue Kerzen, gelber Blumenstrauß, Operngäste in der Loge. Solche Motive sind den Nolde-Fans von einst ein nettes Sümmchen wert: dem Rechtsanwalts-Paar Martha und Paul Rauert, dem Sammler Gustav Schiefler, dem Schiffsausrüster Ernst Rump, der seine Kinder mit den Bildern beglückt, oder dem Kunsthallen-Chef Gustav Pauli, der in den frühen dreißiger Jahren Gemälde und Arbeiten auf Papier erwirbt.

Die Rolle des Künstlers während der NS-Zeit wird in der Schau nur kurz gestreift. Obwohl Nolde als "entartet" verfemt wird und Malverbot erhält, sympathisiert er mit den Nazis, biedert sich sogar bei ihnen an. Die Nolde-Stiftung Seebüll ist derzeit dabei, dieses brisante Kapitel wissenschaftlich aufzuarbeiten. 2017 soll die Studie vorliegen.

Bis 10. Februar 2016. Glockengießer Wall. Di-So, 10-18, Do bis 21 Uhr. Katalog 29 Euro.

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