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Lars Brandt hat 70. Geburtstag: Über Bonn und die Welt

Lars Brandt hat 70. Geburtstag : Über Bonn und die Welt

Willy Brandt und Rut Brandt sind seine Eltern. In Berlin geboren, in Bonn aufgewachsen und zu Hause. Die kleine Stadt am großen Strom hat es ihm angetan. Jetzt wird der Schriftsteller und Filmemacher Lars Brandt 70 Jahre alt.

Zuletzt hatte er es literarisch mit einer fesselnden, auf eine charmante Art etwas verrückten Frau zu tun: Dagny Juel, eine kapriziöse Schriftstellerin, 1867 in Norwegen geboren, 1901 von ihrem Liebhaber in Tiflis erschossen, reizte den in Bonn lebenden Schriftsteller Lars Brandt nicht nur zu einen Abstecher ins Übersetzerfach, indem er Juels Gesamtwerk aus dem Norwegischen übersetzte. Er beschäftigte sich auch essayistisch mit der schillernden Figur. Da liest man Sätze wie: „Allzu heftig kocht es in den Köpfen und Herzen einer künstlerischen Boheme, die noch in ihrem Aufbegehren gegen die Fesseln einer Vergangenheit deren tief von ihr geformtes Produkt ist.“

So charakterisierte Brandt sehr fein die Zeit, in der Juel wirkte: „Man sieht dort Frauen, die zu wenig aus ihren Möglichkeiten machen, zwischen Männern, die über ihre geistigen, seelischen und charakterlichen Verhältnisse leben.“ Eine zupackende, poetische Sprache, wie man sie auch aus Brandts Romanen kennt. 2019 erschien das Buch „Flügel in Flammen“ über Dagny Juel im Bonner Weidle Verlag.

Lars Brandt, gebürtiger Berliner, Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt und Rut Brandt, wird am Donnerstag 70 Jahre alt. Wie so viele Kulturleute hat auch Brandt mit den Arbeits- und Lebensbedingungen unter Corona zu kämpfen. So steht sein Monodrama „Die Gräten“ gegenwärtig zwar auf dem Spielplan des Frankfurter Schauspiels, aber gespielt wird es wegen der Restriktionen rund um die Pandemie nicht. Im Herbst 2020 hatte das Stück unter dem Oberbegriff „Stimmen einer Stadt“ gemeinsam mit Monodramen von Martin Mosebach und Zsuzsa Bánk immerhin Premiere vor Publikum. Und dann kam der Lockdown.

Ein neuer Roman im Lockdown

Die Zeit hat Brandt dazu genutzt, an dem Manuskript für seinen neuen Roman zu arbeiten. „Er ist fast fertig, liegt in den letzten Zügen“, sagte Brandt dieser Zeitung. Der Veröffentlichungstermin sei noch nicht spruchreif, meint er, auch den Titel des Romans will er nicht nennen, da könne sich noch etwas ändern. Worum es sich dreht? Um einen Maler. Da darf man sich auf eine sehr differenzierte Annäherung freuen. Brandt war nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie künstlerisch an der „Schnittstelle von Bild und Wort“ unterwegs, filmte, malte und schrieb. Eines seiner herausragenden Filmporträts beschäftigte sich unter dem Titel „Momente des Glücks“ mit dem Künstler H.C. Artmann. Das Gesprächsprotokoll erschien 2001 als Buch.

Die Frage danach, wo der neue Roman angesiedelt sei, etwa in Bonn, beantwortet der Autor ausweichend: Die Gegend sei ganz in der Nähe. Literarisch hat sich Brandt in seinen Romanen wiederholt an seiner Wahlheimat Bonn abgearbeitet. Nach seiner zu Recht hochgelobten biografischen Collage „Andenken“ (2006) über seinen Vater – eines der fesselndsten und bewegendsten Bücher, die es über Willy Brandt gibt – entstanden zwei lesenswerte Romane, die im Künstler- oder Kulturmilieu angesiedelt sind.

Erstling über das Bonn der 1990er Jahre

„Gold und Silber“ ist das melancholische Porträt einer Künstlerszene im Bonn der 1990er Jahre, Brandts Romanerstling, der 2008 erschien. Bleierne Zeiten am Rhein, in der „kleinen Stadt am großen Strom“, wie er schreibt: Der Autor porträtiert einzelne Akteure einer in Larmoyanz und Langeweile erstarrten Szene, was mitunter leicht sarkastisch geschieht.

„Brandt hat letztlich mit ‚Gold und Silber’ eine bitter-ironische Ansammlung von intensiv beobachteten intimen Künstler-Miniaturen vorgelegt, pflegt die Bonner Agonie wie ein Biotop“, war damals im General-Anzeiger zu lesen. Den Roman über die Bonner Umbruchszeit blieb Brandt jedoch schuldig.

Dafür legte er vier Jahre später die glänzende Gesellschaftssatire „Alles Zirkus“ vor. Auch in diesem Roman kriselt es, die Protagonisten kommen aus dem Kultur- und Medienbereich, es geht um Profilneurosen und Alltagssorgen. Leichtfüßig und mit der ihm eigenen poetisch-verspielten Sprache und präzisen Beobachtungsgabe wendet Brandt das Szene-Szenario zum surrealen Kammerspiel, in dem die Welt zum Zirkus wird. Wahnsinn!