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Landgericht Bonn: Urteilsfindung auf engstem Raum - Theaterstück "Die Zwölf Geschworenen"

Landgericht Bonn : Urteilsfindung auf engstem Raum - Theaterstück "Die Zwölf Geschworenen"

Der Junge hat's getan, was gibt es da zu diskutieren? Anfangs verstehen die elf Geschworenen, die zur Urteilsfindung in einem Raum im Gerichtsgebäude eingeschlossen wurden, die Welt nicht mehr: Ihr zwölfter Kollege bezweifelt die Schuld eines 18-Jährigen, der seinen Vater erstochen haben soll, obwohl eine Frau von gegenüber ihn beobachtet und ein Nachbar aus der unteren Wohnung ihn weglaufen sah.

Aber der Geschworene Nummer 8 bleibt stur und ringt den anderen eine Stunde ab: Man müsse doch zumindest mal darüber reden, bevor man über die voraussichtliche Hinrichtung des Jungen entscheidet.

Das ist die Ausgangssituation des Theaterstücks "Die zwölf Geschworenen", das das Ensemble "neuesschauspielkoeln" in Zusammenarbeit mit dem "Theater Tiefrot" am Montag in der Bibliothek des Bonner Landgerichts aufführte. Premiere hatte die Gruppe damit aber schon in Köln im Senatssaal des Oberlandesgerichts.

"Das ist ein historischer Raum, in dem früher der Oberste Gerichtshof der britischen Zone getagt hat", erklärte Albert Klütsch, der den Geschworenen Nummer 9 spielt. Solche Orte habe Regisseur Stefan Krause für eine Theateraufführung gesucht. Der Schwurgerichtssaal des Aachener Landgerichts ist der dritte Austragungsort Anfang November.

Krause habe zu Beginn die Idee gehabt, in Gerichtsgebäuden ein entsprechendes Theaterstück aufzuführen, sagte Klütsch, und sich die Rechte unter anderem auch an "Der zerbrochene Krug" und "Zeugin der Anklage" gesichert.

Letztlich wurde es "Die zwölf Geschworenen". Ein praktisches Stück: "Man braucht einen Tisch und zwölf Stühle, dann ist man in der Lage, an jedem Ort zu spielen, der auch die Atmosphäre ausstrahlt."

Das Leben eines Menschen in den Händen von zwölf Personen: Da ist Nummer 9, der ältere Herr, der sich als erstes von der Unschuld des Jungen überzeugen lässt; die alte Schachtel, die den Jungen aufgrund eines persönlichen Traumas sterben sehen will; der Rassist, der in den Puerto Ricanern eine Bedrohung für die USA sieht; der Typ, der Karten für ein Baseballspiel hat und deshalb schnell nach Hause will; der Pedant, der alles mitgeschrieben hat; die Mitarbeiterin einer Werbeagentur, die sich als Fähnchen im Wind entpuppt; und einige weitere Gestalten aus dem Alltag, die einst Reginald Rose 1954 für sein Fernsehspiel "Die zwölf Geschworenen" erdacht hat.

Wundert man sich anfangs, dass fünf Schauspieler mit dem Rücken zum Publikum sitzen, fällt das bald nicht mehr auf: Es herrscht auf engem Raum viel Bewegung, das Stück ist sehr dynamisch inszeniert. Pausen sind eher die Ruhe nach dem Sturm, denn da wird viel gestritten und leidenschaftlich argumentiert, man erfährt einige menschliche Abgründe, und nach gut 90 Minuten... herrscht Schweigen. Eine tolle Inszenierung. Die Vorstellung am Montag war ausverkauft, allerdings hätte man noch deutlich mehr Stühle in der Bibliothek unterbringen können.