Philharmonie in Köln US-Organist Cameron Carpenter: Knallbunte Wundertüte

KÖLN · Eines muss man ihm lassen: Cameron Carpenter bringt frischen Wind in die verstaubte Orgelszene. Keiner beherrscht die Kunst der (Selbst)-Inszenierung so perfekt wie er, keiner hackt so präzise und virtuos auf den Tasten herum, jongliert so lustvoll mit Tabubrüchen.

Der amerikanische Organist, der mittlerweile in Berlin lebt, gastierte mit seinem neuesten Programm in der Kölner Philharmonie und machte erneut deutlich, dass er alles andere als ein Kirchenmusik-Nerd ist.

Dabei widmet er sich zwar gelegentlich auch mal dem traditionellen Repertoire, bürstet es aber so konsequent gegen den Strich, dass es mitunter kaum wiederzuerkennen ist. Johann Sebastian Bachs Choralbearbeitung über "Nun freut euch, liebe Christ gemein" etwa wurde zur Zirkusnummer im Affentempo, die Triosonate BWV 530 zum Nähmaschinengeklimper, das sich oft genug am wahrnehmbaren Limit bewegte.

Das ist genauso grenzwertig wie Carpenters Version des E-Dur Chorals von César Franck, die nurmehr eine dramaturgisch bis zur Unkenntlichkeit überzeichnete Karikatur des Originals war.

Auch Mozarts eingangs gespielte D-Dur Sonate (KV 284) hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Carpenter spielte zwar akkurat, agogisch aber sehr flach und verzettelte sich in einer Unzahl an oft unmotiviert erscheinenden Registerwechseln.

Auch bei der Bearbeitung von Bachs Violin-Chaconne schöpfte Carpenter aus dem Vollen: das war Bombast pur. Beeindruckend, wie souverän Carpenter die normale Klais-Orgel ebenso wie die digitale, gerade erst eingeweihte Tournee-Orgel, in Szene setzte.

Genial war Carpenter vor allem dann, wenn es um seine eigene Musik ging: die "Music For An Imaginary Film" etwa, eine knallbunte Wundertüte mit immer neue Überraschungen oder im Zugabenteil, als er das Presto aus Tschaikowskis 6. Sinfonie fulminant herunterdonnerte und die Hammond- und Kino-Sounds seines digitalen Spielzeugs mit überbordender Verve vorführte. Das war ganz ohne Zweifel ungeheuer faszinierend.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort