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Galerie Gisela Clement in Bonn: Vergänglichkeit aus dem Kühlschrank

Galerie Gisela Clement in Bonn : Vergänglichkeit aus dem Kühlschrank

Die Galerie Gisela Clement in Bonn zeigt Fotografien und prozesshafte Arbeiten von Alex Grein

Für ihre Sommerausstellung hat Galeristin Gisela Clement das Treppenhaus und die oberen Räume komplett für die fotografischen Arbeiten von Alex Grein freigeräumt. Die Meisterschülerin (2016) von Andreas Gurskys Klasse an der Düsseldorfer Akademie weiß dieses Angebot souverän und raumgreifend zu nutzen. Ihre Werke haben eine kühle Schönheit, sie sprengen den erwartbaren Rahmen und greifen gesellschaftlich relevante Themen (ohne pädagogische Belehrungen) auf.

Zur Einstimmung begegnet man im Treppenhaus den ersten Fotografien, die sich gebogen haben und an den Stufen oder der Wand entlang fließen. Es scheint, als ob der Rahmen über seine passive Funktion des Haltens und Beschützens hi­naus gänzlich eigene Absichten verkünden wollte. Auch die Fotomotive lösen sich aus ihrer starren Zweidimensionalität und bieten neue Sichtweisen an. Im Obergeschoss angekommen, ist der Kontrast zwischen dem freundlich-hellen Galerieraum mit Parkettboden und der darin aufgebauten laborartigen Situation – dem „Speicher“ – das Erste, das man wahrnimmt. Im Raum stehen große Auffangwannen aus Edelstahl, auf ihnen ein Versuchsaufbau mit Halterungen für Smartphones oder Tablets. Statt der Geräte selbst stecken tiefgefrorene Eisblöcke da­rin, unter deren halb-transparenter Oberfläche Fotoabzüge durchschimmern.

Das Ganze tropft bei normaler Zimmertemperatur vor sich hin und zerfällt in einem langsamen, kaum wahrnehmbaren Prozess. Die Bilder verändern ihre Form, werden unkenntlich und schließlich formlos. Wenn von dem Foto-Eisblock nur noch flockige Überreste und das Schmelzwasser in der Wanne liegen, werden sie vom Galeriepersonal über eine dafür vorgesehene Öffnung abgeleitet und in Kanistern verwahrt. Jetzt ist Platz für Nachschub, der in einem Gefrierschrank, einer Kältekammer mit Glastür, bereitgehalten wird.

Alex Grein greift in dieser Versuchsanordnung auf ihr eigenes Bildarchiv zurück und zeichnet die Vergänglichkeit und eine im Prozess selbst angelegte Vernichtung nach. Der Besucher wird Zeuge eines alltäglichen Vorgangs aus unserer virtuellen Parallelwelt, in der unendlich viele Bilder ihren vorbestimmten Lebenszyklus durchlaufen.

Auch die Arbeiten im zweiten Raum des Obergeschosses zeichnen sich durch ihre hohe ästhetische Wirksamkeit aus. Auf vier großen LED-Displays schweben riesige Schmetterlinge in bunten Farben über Satellitenansichten aus Google Earth von Neuguinea, Europa, Frankreich und Nord-Italien. Die perfekt, aber leblos wirkenden Schmetterlinge sind tatsächlich Präparate aus dem Museum Koenig in Bonn. Grein hat sie auf das Display ihres iPads gelegt und von oben gefilmt, während unter ihnen die Satellitenbilder vorbeizogen.

Hier entpuppt sich eine weiße Fläche als Plastikgewächshaus-Landschaft in Spanien, man sieht ein französisches Atomkraftwerk, den Containerhafen von Antwerpen und das Pariser Stadtzentrum mit dem Louvre. Was sich auf den ersten Blick als farbenfrohes Naturschauspiel getarnt hat, ist in Wahrheit der Überflug von toten wissenschaftlichen Artefakten über eine Welt, in deren Lebensräume der Mensch gravierend eingegriffen hat. 

Galerie Gisela Clement, Lotharstraße 104; bis 22.08. Mo-Fr 14-18, Sa 13-17 Uhr, Besuch mit Voranmeldung, info@galerie-clement.de.