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Literaturhaus Bonn: Vier Leseclubs und ein Hotspot

Literaturhaus Bonn : Vier Leseclubs und ein Hotspot

Mit neuen Formaten und Veranstaltungen geht das Bonner Literaturhaus ins Frühjahr. So kann das Team um Programmleiterin Almuth Voß weiterhin Lesungen und Autorengespräche in der Corona-Krise anbieten.

Was bei den digitalen Veranstaltungen am meisten fehlt, das ist das Publikum.“ Almuth Voß bringt das Dilemma auf den Punkt. Die Programmleiterin des Bonner Literaturhauses sitzt mit genügend Abstand zu ihrem Gesprächspartner in ihrem Büro am Bottlerplatz. Einerseits ist sie froh, dass sie und ihr Team weiterhin Lesungen und Autorengespräche in der Corona-Krise anbieten können. Andererseits lässt sich das Live-Erlebnis „Literatur“ eben nicht durch digitale Formate ersetzen – vergleichbar mit Theater und Konzerten. Vor dem heimischen Computer zu sitzen und Autoren, Schauspielern oder Musikern zuzugucken und zuzuhören, wertet das Kulturerlebnis auch noch ab: Der Laptop wird zur technisch aufgemotzten Glotze.

 Das Literaturhaus Bonn hat in den vergangenen Monaten einiges in puncto Software ausprobiert. Veranstaltungen über Zoom, Skype und Jitsi – auch Live-Übertragungen bei YouTube waren darunter. Dabei wurden Erfahrungswerte gesammelt. „Es gibt Menschen im Publikum, denen es wichtig ist, jemanden direkt ansprechen zu können – wie bei einer richtigen Lesung“, erklärt Voß. „Daher hat sich Zoom bewährt. Das Publikum sieht das Publikum.“ Für die nächsten Wochen und Monate hat das Literaturhaus neue Formate und Veranstaltungen auf den Weg gebracht – was davon langfristig digital oder eventuell wieder in leibhaftiger Zusammenkunft stattfindet, wird sich zeigen.

Rückkehr eines erfolgreichen Formats

 Garantiert noch als Live-Stream bei YouTube wird am Donnerstag, 18. März, ab 19.30 Uhr das Gespräch zwischen Voß und Ursula Gräfe sein: Murakamis deutsche Stimme. Ein hübscher, wenn auch leicht irreführender Veranstaltungstitel: Gräfe, Jahrgang 1956, liest nicht etwa die deutschen Hörbücher des japanischen Bestsellerautors, sondern sie übersetzt dessen Texte. Die studierte Japanologin arbeitet seit 1988 als Übersetzerin und hat neben Murakami auch Werke von Yasushi Inoue und Kenzabure Oe ins Deutsche übertragen. Im Literaturhaus-Gespräch wird es vorrangig um Murakamis aktuell vorliegenden Erzählungsband „Erste Person Singular“, aber auch um andere seiner Texte gehen.

 Nach der erfolgreichen Premiere im Herbst 2019 kehrt das Format „KlasseBuch“ am Mittwoch, 24. März, ins Bonner Clara-Schumann-Gymnasium zurück. Ab 19 Uhr wird der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman im Live-Stream seinen Roman „Eine Formalie in Kiew“ vorstellen. Aufbauend auf Projektarbeit und Lektüre im Unterricht, wird auch diese Lesung für die Schüler zum Live-Erlebnis, an dem sie aktiv beteiligt sind. Über Kapitelmans autobiografisch gefärbtes Buch sagte die Autorin Olga Grjasnowa: „Erst durch dieses Buch ist das Verstehen der Migration, des Nicht-Dazugehörens und des Dazwischen möglich.“

 Welttag des Buches ist am 23. April. Dann findet das erste bundesweite Leseclubfestival statt. In mehr als zehn Städten treffen 50 Autoren in moderierten 50 Leseclubs auf jeweils maximal 20 Teilnehmer und diskutieren mit jenen über ihre neuen Bücher. In Bonn arbeitet das Literaturhaus dafür mit dem Beueler Kulturzentrum Brotfabrik zusammen.

Zu Gast werden die Schriftsteller Franzobel (mit seinem aktuellen Titel „Die Eroberung Amerikas“), Alem Grabovac („Das achte Kind“), Sylvie Schenk („Roman d‘amour“) und Florian Wacker („Weiße Finsternis“) sein. „Über die ideale Raumsituation“, welche die Brotfabrik als Veranstaltungspartner mitbringe, sei man „besonders glücklich“, heißt es im Literaturhaus: „Für alle vier Clubs bietet die Brotfabrik mit Hygienekonzept und Sicherheitsmaßnahmen der jeweiligen Corona-Lage entsprechend Raum für maximal 20 Teilnehmende. Die Gesundheit aller Mitwirkenden steht hierbei jederzeit im Fokus.“

Noch einige Pfeile im Köcher

 Im elften Jahr seines Bestehens hat das Literaturhaus Bonn trotz Pandemie noch einige weitere Pfeile im Köcher. Die sogenannte Kopenhagen-Trilogie der dänischen Autorin Tove Ditlevsen (1917 bis 1976), jüngst im Aufbau Verlag auf Deutsch erschienen, wird von Ditlevsens Übersetzerin Ursel Allenstein am 28. Mai vorgestellt werden – ob digital oder wieder als Präsenzveranstaltung, ist noch offen. Im Brückenforum soll schließlich im Juni der Bonner Virologe Hendrik Streeck sein aktuelles Buch „Hotspot“ (Piper Verlag) im Gespräch mit Bettina Böttinger präsentieren – vor Publikum. Für die zweite Jahreshälfte ist dann ein Projekt mit dem Titel „Eine Stadt liest ein Buch“ angepeilt. Eine Jury wählt dafür ein Buch aus, und das Literaturhaus-Team koordiniert dann ein darauf abgestimmtes, vielfältiges Programm. „In Köln findet dieses schöne Festival jedes Jahr statt“, erläutert Almuth Voß. „In Bonn dagegen hat es nie richtig Fuß gefasst.“

 Schließlich ist die NRW-Schreibakademie gestartet, die auf eine Idee der Ludwig-Maximilians-Universität München zurückgeht. In Nordrhein-Westfalen sind die Universitäten Bonn und  Wuppertal Partner des Projekts. Die Schreibakademie bündelt zahlreiche professionelle Fortbildungs- und Fördermöglichkeiten, die landesweit verstreut und teils seit Jahren angeboten werden. Ein Auszug aus dem Angebot: „Schreibseminar für angehende Profis“ mit Olaf Petersenn, Programmleiter Literatur bei Piper in München, „Notieren als Wunderwaffe“ mit Autor Tilman Strasser und „Peng! Wie spannende Texte funktionieren“ mit Schriftstellerin Judith Merchant. Die Workshops finden je nach Corona-Lage digital oder im Bonner Literaturhaus, sowie in Düsseldorf, Gladbeck, Bielefeld, Detmold, Unna und Paderborn statt.