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Köln: Wallraf-Richartz-Museum bringt Leibl und Sander zusammen

Köln : Wallraf-Richartz-Museum bringt Leibl und Sander zusammen

Wie sich die Bilder gleichen, die Posen und Blicke. Eine Generation liegt zwischen dem Maler Wilhelm Leibl (1844-1900) und dem Fotografen August Sander (1876-1964) - und doch ist es überaus faszinierend, wie intensiv diese beiden Realisten eine Geistesverwandtschaft verbindet.

Wie fein und zugleich deutlich aber auch die Differenzen sind. Begegnet sind sie sich nie. Der gebürtige Kölner Leibl zog 1863 weg, um in München zu studieren, Sander, im Westerwald geboren, kam erst 1910 aus dem österreichischen Linz nach Köln, um in der Domstadt seine wichtigsten Foto-Projekte zu realisieren. Immerhin hat sich Sander wiederholt über den Maler geäußert.

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum holt nun in Kooperation mit der SK Stiftung Kultur der Sparkasse das versäumte Treffen der begnadeten Porträtisten und eisernen Realisten nach. "Von Mensch zu Mensch" heißt die sehenswerte Schau, die in neun Kapiteln Korrespondenzen und Differenzen dekliniert.

Verblüffend zunächst, wie dominant sich eine Bild-Konzeption hält, der sowohl der Maler wie auch der 32 Jahre jüngere Fotograf folgen. Der repräsentative Porträtstil ist viel älter als beide: Der venezianische Hochrenaissance-Maler Tizian prägte das Motiv des im Dreiviertelprofil sitzenden älteren, gut situierenden Herrn. Leibl und Sander folgen diesem Typus, allenfalls die modische Garderobe macht den Unterschied.

Das Urmotiv für den Typ des jungen, sinnierenden Mädchens, der bei beiden Künstler sehr beliebt war, ist noch älter: Albrecht Dürers Meisterstich "Melencolia I" führte die Gestalt der leicht entrückten, gleichsam sehnsüchtig grübelnden wie tief trauernden jungen Frau ein.

Sanders wunderbares Foto "Sekretärin" aus dem Opus magnum "Menschen des 20. Jahrhunderts" und das berührende Porträt seiner jungen Frau Anna, die gerade einen Rembrandt-Band durchblättert, stellen den melancholischen Mädchentyp ebenso in den Mittelpunkt wie Leibl in seinem Meisterwerk "Mädchen am Fenster", das nur fünf Jahre vor dem Anna-Porträt entstand.

Die delikate Lichtführung, die Leibls Mädchen gleichsam aus dem Dunkel herausschält, findet sich in Sanders "Sekretärin" wieder. Den Blick für Schönheit und das Händchen für deren Inszenierung teilen beide Künstler: Leibl feiert mehrfach sein Lieblingsmodell Wab'n in malerischen Kompositionen und lässt seine "junge Pariserin" vielsagend anbandeln.

Sander zelebriert mit seiner "Dame der Gesellschaft" und besonders mit seiner "WDR-Sekretärin", einer Ikone der Neuen Sachlichkeit, eine sehr zeittypisches Schönheitsideal der 30er Jahre. Interessant ist, wie Sander zwar Motive der Vergangenheit aufnimmt, dabei aber mit seiner Großformatkamera eine sehr klare, sachliche und unmalerische Fotografiesprache bevorzugt. Anders der Maler Leibl, der bisweilen an seine kompositorischen Grenzen stößt - und dann die Fotografie als Mittel zur Klärung und Anregungsquelle nutzt.

Man sollte sich in der Ausstellung "Von Mensch zu Mensch" aber nicht zu sehr auf Vergleiche stürzen. Das mag museumspädagogisch wertvoll erscheinen, stört aber bei der Würdigung dieser letztlich auch sehr unterschiedliche Einzelpositionen. Leibl als wunderbaren Koloristen zu erleben, der vom diffusen niederländischen Helldunkel bis in die Klarheit des französischen Realismus vordringt, lohnt ebenso, wie diesem Porträtisten nachzuspüren, der Physiognomien so tief analysiert hat.

Wobei er bei seinen schrundigen Bauern und Arbeitern im Gegensatz etwa zu Hauptmann oder Kollwitz den sozialkritischen, politischen Kommentar verweigert. Ganz ähnlich wiederum wie Sander, dessen geniale "Stammmappe" faltige Bauern zeigt, die als "Philosophen", "Weise" und "Stürmer oder Revolutionär" betitelt und geadelt werden. Sander ist ein Mann des 20. Jahrhunderts, ein Mann der Moderne. Das unterscheidet ihn von Leibl. Mit seinen Archetypen, seinen konzeptuellen Porträtsammlungen, den Fragment-Recherchen, letztlich auch mit der "Stammmappe" führt er die ehrwürdige Gattung Porträt in eine neue Zeit.

Wallraf-Richartz-Museum Köln; bis 11. August. Di-So 10-19, Do bis 21 Uhr. Katalog (Hirmer) 22 Euro