Neue Show des Cirque du Soleil Zeltshow "Amaluna": Das weibliche Prinzip

DÜSSELDORF · „Amaluna“ heißt die neue Zeltshow des Cirque du Soleil. Die internationale Produktion gastiert vom 17. November bis zum 28. Dezember in Düsseldorf und bietet dort mehr als nur eine Premiere: Die meisten der 46 Artisten sind Frauen.

 Spiel mit dem Feuer: Das Geschöpf Cali, halb Eidechse und halb Mensch, ist ein Meister der Jonglage

Spiel mit dem Feuer: Das Geschöpf Cali, halb Eidechse und halb Mensch, ist ein Meister der Jonglage

Foto: Jean-Francois Gratton/Shoot Stud

Männer geraten in Seenot, Männer wirbeln durch die Luft, Männer sind auf Amaluna eindeutig in der Minderheit. Aaron Sebastian Dewitz aber stört sich nicht weiter daran. Aaron Sebastian Dewitz hat gut lachen, denn an ihn wird sich das Publikum ganz sicher erinnern: an den Kapitän, dessen Schiff während eines Sturms vor der Insel kentert, an den liebenswerten Tollpatsch, der seinen Herrn namens Romeo eigentlich beschützen sollte, aber in Wahrheit Angst vor dem eigenen Schatten hat, und an den Pausenclown, der die rund 2600 Zuschauer im weißen Grand Chapiteau des Cirque du Soleil mit seinen Späßen bei Laune hält.

Das liegt dem 35-Jährigen aus Berlin sozusagen im Blut. Das wollte er schon immer tun, seit er denken kann – und schon lange bevor er in Mainz eine private Clownschule besucht hat. Zum Umziehen und Schminken ist später noch genug Zeit. Und überhaupt: So quirlig Aaron Sebastian Dewitz zwischen den Zuschauerreihen und auf der Bühne agiert, so ruhig und entspannt wirkt er dahinter. Während andere Artisten ihre Sehnen dehnen, verknotet er mal eben die schlaksigen Beine auf dem einzigen und reichlich unbequem aussehenden Stuhl.

Die Plätze ringsum auf den beiden Sofas gebühren schließlich den Journalisten, die auf den Festplatz am Ratsweg in Frankfurt am Main gekommen sind, um die neue Zeltshow „Amaluna“ zu sehen und die sich am Nachmittag – nur ein paar Stunden zuvor – selbst ein Bild machen können, wie diszipliniert sich hier jeder auf seinen Auftritt am Abend vorbereitet. Das wird mitnichten nur eben angedeutet oder für die Gäste mit Kamera, Block und Kugelschreiber inszeniert. Der Körper – das Instrument – mag für den Augenblick ebenso elastisch und genügsam wirken, wie er auf Dauer auch äußerst nachtragend sein kann.

Das Gastspiel in Frankfurt geht zur Neige. Das war die erste deutsche Station auf der Europatour von „Amaluna“. Düsseldorf wird die nächste sein. Ursprünglich war das Gastspiel dort vom 17. November bis zum 18. Dezember geplant, ist aber schon kurz nach dem Vorverkaufstart um zehn Tage verlängert worden.

Als die Show 2012 in Montreal Premiere feierte, setzte die mit dem renommierten Tony Award ausgezeichnete Regisseurin Diane Paulus erstens explizit auf das Prinzip des Weiblichen und zweitens ganz neue Maßstäbe: sowohl in der Geschichte des 1984 von dem kanadischen Straßenkünstler Guy Laliberté gegründeten und inzwischen weltumspannenden Zirkusunternehmens als auch in der Welt der Artistik an sich.

70 Prozent der Besetzung sind Frauen, inklusive der Live-Band. Würde man den Namen der Show und der Insel, auf der sie spielt, eins zu eins übersetzen, käme dabei vielleicht so etwas wie „Mutter Mond“ zustande. Nötig ist das allerdings nicht. Das Wort erschließt sich intuitiv.

Auf Amaluna hat Prospera das Sagen, die als Schamanin mächtig, als Königin der Amazonen traditionsbewusst und als Mutter verletzbar ist. Sie weiß, dass sie ihrer Tochter Miranda genug Freiraum lassen muss, um vom temperamentvollen und verträumten jungen Mädchen zur erwachsenen Frau zu werden, und sie scheut sich zugleich davor. Das ist schließlich nicht nur in der Welt des Zirkus so.

Die Namen der Magierin und ihrer Tochter stammen direkt aus Shakespeares „Sturm“. Auch dort strandet ein Schiff. Auch dort gibt es einen Narren. Und dessen Rolle war schon zu elisabethanischen Zeiten recht dankbar; sozusagen der Geheimtipp unter den Figuren des Dichters aus Stratford-upon-Avon, was Aaron Sebastian Dewitz sehr wohl weiß. Die beiden anderen führenden Männerrollen wären Mirandas Romeo oder der mit Feuer jonglierende Cali gewesen. Der ist halb Echse und halb Mensch, für Prosperas Tochter ein Spielgefährte und Haustier; nur dass er selbst unsterblich in sie verliebt ist.

Die anderen Männer vom Schiff tragen keine Namen. Die wären vielleicht auch nur Ballast. Denn diese Männer üben gerade ihre Nummer auf dem Schleuderbrett – waghalsige Sprünge senkrecht in die Höhe und ohne jede Sicherung, bei denen tunlichst nichts daneben gehen sollte. Tut es auch nicht. Sie sind eingespieltes Team.

Und so schaut auch Aaron Sebastian Dewitz nur mal kurz zu ihnen herüber, lächelt und zuckt die Schultern, bevor er weiter von seinem Werdegang erzählt. „Amaluna ist mein erster Job hier. Mit 18 Jahren habe ich ein Video vom Cirque du Soleil gesehen und gedacht, das ist mein Traum, das möchte ich irgendwann auch einmal machen.“

Seine Ausbildung an der Clownschule vor gut zehn Jahren umfasste neben Ballett und Stepptanz auch Stimmbildung und die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers; ganz dezidiert im komischen Fach. „Mich fasziniert dabei vor allem der Humor im Alltag. Straßenkünstler, die hinter Passanten herlaufen und sie parodieren, ohne dass ihnen deshalb einer böse wäre.“

Und seine Vorbilder? „Buster Keaton und Charlie Chaplin – die Helden der Stummfilmzeit, deren Kunst ganz ohne Worte auskam.“ Ein Vagabundenleben führt er schließlich selbst – wenn auch fest in weiblicher Hand. Seine Frau und die vierjährige Tochter begleiten ihn auf Tour.

Ein Jahr läuft sein Vertrag. In einem Jahr wird „Amaluna“ auch beim europäischen Publikum angekommen sein. Wobei die Geschichte vom Erwachsenwerden gelegentlich ein wenig ins Hintertreffen zu geraten droht – angesichts der spektakulären Artistik, des ausgesucht schönen blau-grünen Bühnenbilds mit dem runden Wasserbassin, das sich wie ein überdimensionaler Edelstein ausnimmt. Auch die Kostüme ziehen in ihrer eigensinnigen Finesse die Blicke auf sich.

Und: Einer der schönsten Momente ist zugleich auch der stillste. Geradezu meditativ, während die Göttin der Balance ein Mobile aus 13 Palmblatt-Rispen baut. Nahezu atemberaubend – denn wer unter den Zuschauern möchte schon derjenige sein, der das Konstrukt durch einen Luftzug zu viel zum Einsturz bringt?

Obgleich auf Amaluna die Gesetze der Schwerkraft nur bedingte Gültigkeit zu haben scheinen, während Walküren an ihren Strapaten meterhoch über die Köpfe der Zuschauer fliegen. Das Karussell unter der Kuppel dreht sich entgegensetzt zum Bühnenboden, und beim Zusehen dreht es sich im Kopf. So soll es sein. Denn: Ohne das ungläubige Staunen, was sich mit dem menschlichen Körper anstellen lässt, wäre das hier nicht der Cirque du Soleil.

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