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Konzerte in der Bonner Harmonie: Zweite Hälfte des Crossroads-Festivals fand ohne Zuschauer statt

Konzerte in der Bonner Harmonie : Zweite Hälfte des Crossroads-Festivals fand ohne Zuschauer statt

Der Rock liegt im Koma. Völlig unvermittelt hat das Coronavirus auch das Nervenzentrum der Musik getroffen. Das Crossroads-Festival des WDR Rockpalasts kann dabei als letztes Aufbäumen einer ins Mark getroffenen Szene gesehen werden.

Trotz der massiven Einschränkungen, die am vergangenen Freitag in Kraft traten, haben die Organisatoren die Aufzeichnungen in der Harmonie abgeschlossen, an den letzten beiden Tagen zwar ohne Publikum, aber zumindest mit starken, zum Teil sogar exzellenten Formationen. Diese sollen nun auch gewürdigt werden – wer weiß schließlich, wann sich die nächste Gelegenheit dazu bietet.

In der Geschichte des Crossroads-Festivals hat es immer mal wieder Bands gegeben, die etwas Besonderes waren, nicht einfach nur gut, sondern besser, gar herausragend. Bands, wie sie nur etwa alle fünf Jahre die Bühne der Harmonie betreten. Bands wie WellBad. Die Formation um den Hamburger Sänger Daniel Welbat hat am vergangenen Donnerstag, beim zweiten Konzert des viertägigen Festivals (und dem letzten, bei dem noch Zuschauer zugelassen wurden) ein Feuerwerk der Extraklasse abgefeuert, bei dem alles passte. Bluesgetränkter Rock traf auf einen überragenden Geschichtenerzähler, dessen Fingerspitzengefühl für Dynamik und Dramaturgie jede Skala sprengte.

Welbat zog alle Register, war ein Prediger in Ekstase, eine Rampensau mit Reibeisenstimme und ein dem Wahnsinn verfallener Poet – angesichts dieses Auftritts hätte selbst Tom Waits seinen Hut gezogen. Das schauspielerische Erbe des Hanseaten konnte sich voll entfalten, während Welbat mühelos aus der erzählenden Moderation in die wuchtigen Songs wechselte und die Töne ins Mikrofon röhrte, bis auch wirklich jeder im Saal verstanden hatte, dass es dieser Typ ernst meint. Und dass er es verdient hätte, dass man ihm und seiner nicht minder genialen Band samt Bläser-Trio zuhört.

Während WellBad das Storytelling im Rock perfektioniert hat, könnte Wallis Bird noch ein bisschen daran arbeiten. Ja, die charmante irische Singer-Songwriterin ist schon ganz gut im Geschäft und wird vor allem von jungen Frauen umschwärmt, die in Scharen zu ihren Konzerten laufen, aber bei genauerem Hinhören muss man leider feststellen, dass die Vogelfrau sich inhaltlich auf ein oder zwei Zeilen beschränkt, die in Dauerschleife durch die Effektmaschinerie gejagt werden. Ebenfalls nicht von Vorteil ist, dass der Auftritt beim Rockpalast der erste mit dem Frauen-Trio Wyvern Lingo war. Das hörte man. Leider. Dabei verfügt Wallis Bird über eine ganz besondere Stimme, ähnlich wie auch Sinnead O'Connor oder Annie Lennox, und sie ist auch ähnlich experimentierfreudig. Wer sonst wagt sich ganz am Anfang eines Konzerts mit einer a-cappella-Nummer auf die Bühne? Respekt für diese Leistung. Aber da geht noch weitaus mehr.

An den Folge-Tagen hatten es die Bands angesichts eines leeren Saals nicht gerade leicht, und auch für das WDR-Team waren die Geisterkonzerte in der langen Geschichte des Rockpalasts ein Novum. Doch einschüchtern ließ sich niemand. Vor allem Gitarristin Laura Cox gab von der ersten Sekunde an Vollgas, kommunizierte mit den Fans an den Bildschirmen so wie einst in ihrer Youtube-Phase und setzte mit rotzig-frechem Rock Akzente. Derweil blendeten Maidavale einfach alles aus: Die Schwedinnen ließen ihren überaus vielseitigen Psychedelic Rock kurzerhand ineinanderfließen und durcheinanderwabern, häufig instrumental und dabei so abwechslungsreich, dass jedes Wort zu viel gewesen wäre. Beeindruckend, was die vier jungen Frauen beschworen.

In eine ähnliche Kerbe versuchten schließlich auch The Universe By Ear und Suzan Köcher's Suprafon zu schlagen. Beide Bands waren sehr kurzfristig angereist, nachdem sowohl die eigentlich eingeplanten Acts als auch deren Ersatz aufgrund der Corona-Krise dem WDR abgesagt hatten, erwiesen sich aber als gute Alternativen.

The Universe By Ear erforderte allerdings etwas Eingewöhnungszeit, drangen die Baseler doch noch tiefer in das Prog-Rock- und Krautrock-Universum vor als Maidavale, waren dementsprechend wuchtiger und dumpfer. Nicht ohne Grund spricht das Trio bei ihrer Musik vom „Psychedelic Brain Blues“. Und ja, das Gehirn wurde bei diesen Klängen ganz schön mitgenommen – was jetzt nicht unbedingt negativ klingen soll. Dagegen strahlte der Suprafon-Sound wie ein Schwarm Glühwürmchen in einer lauen Frühlingsnacht, getragen von Suzan Köchers hypnotischer Stimme und folkig-poppigen Melodien, die von vielfältigen Schattierungen umgeben waren.

Nicht weniger komplex, aber zumindest zugänglicher setzte die Musikerin aus Solingen so einen starken Schluss-Akkord unter ein ungewöhnliches Festival. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht das letzte dieser Art sein wird. Es liegt nun an der ganzen Welt, sich mit Künstlern und Veranstaltern, Bühnenbetreibern und anderen Akteuren der Szene zu solidarisieren, damit die Kultur möglichst schnell wieder aus dem Koma erwachen kann. Den Stecker ziehen? Das ist keine Option. Sondern weiter rocken.