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Premiere in Bonn: Schauspieler ohne eigene Stimme

Premiere in Bonn : Schauspieler ohne eigene Stimme

Es ist eine Etüde in Künstlichkeit. Claudia Bauer inszeniert Jean Genets Stück „Die Zofen“ in der Werkstatt des Theaters Bonn.

Die Regisseurin Claudia Bauer hat ein einnehmendes Wesen. Sie raubt ihren Schauspielern Sophie Basse, Daniel Breitfelder und Holger Kraft essenzielle Ausdrucksmittel: Gesicht, Stimme, Körper. Für die Inszenierung von Jean Genets Drama „Die Zofen“ in der Werkstatt hat Vanessa Rust (Kostüme) die Akteure in groteske Kunstwesen verwandelt: mit Mündern wie Sexpuppen, aufgepolsterten Hintern und Brüsten sowie Reißverschlüssen an zentralen Körperstellen, zum Beispiel im Genitalbereich.

Basse (Claire), Breitfelder (Solange) und Kraft (Gnädige Frau) tragen Mikroports, ihre Stimmen dringen verfremdet ans Ohr des Publikums. Der für Musik und Live-Sounds zuständige Roman Kanonik übersetzt zudem jeden Schritt in ein charakteristisches Quietschen und jede Backpfeife in einen Kanonenschlag. Wenn Claire ihre blonde Perückenhaarpracht zurückwirft, klingt es wie Meeresrauschen. Opernhafte szenische und musikalische Eruptionen sind auch im Angebot.

Man hat Genets 1947 erstmals in Paris gespieltes und zehn Jahre später im Bonner Contra-Kreis von Kurt Hoffmann inszeniertes Stück als schwelende Etüde in Hass, als Würgefingerübung der Perversion, der Mordlust und des Hasses eingeordnet. In Claudia Bauers Händen ist es ein auf den ersten Blick originelles Masken- und Puppenspiel, eine Etüde der Künstlichkeit und Verfremdung. Sie zaubert in knapp zwei pausenlosen Stunden überraschende Effekte herbei, betäubt aber mit all ihrer artifiziellen Intensität lange vor dem Ende alle Sinne des Zuschauers. Das kommt davon, wenn man seine Schauspieler versteckt.

Unterwürfigkeit und Dominanz

Genet (1910-1986) erzählt eine Dreiecksgeschichte. Die Schwestern Claire und Solange sind Zofen, die in der Abwesenheit der begehrten/verhassten Gnädigen Frau Rollenspiele zelebrieren. Die eine übernimmt den Part der Herrin, die andere den der Domestikin. Sie peinigen und erniedrigen sich. Eine kolportagehafte Pointe veranlasst die beiden zu dem Plan, ihre Chefin zu vergiften. Als das nicht klappen will, absolvieren die Schwestern ein düsteres Endspiel mit tödlichem Ausgang. Claire in der Rolle der Gnädigen Frau trinkt den vergifteten Lindenblütentee.

Auf Franz Dittrichs Bühne – ein Steg mit einem großen, beweglichen Spiegel, einer Referenz an die Spiegelmetapher des Stücks – entfaltet sich das Spiel von Unterwürfigkeit und Dominanz, Intrigen, Laster und Mordlust. Genet, der das Verbrechen pathetisch verherrlicht und philosophisch hochgejazzt hat und damit den Autor Jean-Paul Sartre hinriss, liefert dem Theater mit seinen „Zofen“ einen bühnenwirksamen, zutiefst bösen und gemeinen Psychothriller. So etwas sieht man gern. Aber dann doch lieber von Schauspielern, die gleichsam nackt vor dem Publikum ihr verwüstetes Seelenleben ausbreiten.

In Bauers Inszenierung, die in ihren besten Momenten dem Pathos und der abgründigen Komik Genets schon nahekommt, spiegelt bereits die Hässlichkeit ihrer Verpackung das Innere der Figuren. Aus einer voyeuristischen Perspektive soll das Publikum „einen geheimnisvollen Kampf, eine Auseinandersetzung mit der Dissonanz von Räumlichkeit, Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit und Hierarchie“ beobachten, hat sich die Regisseurin vorgenommen. „Die Schönheit im Hässlichen, der Traum im Realen – was davor war und danach sein wird, kann man nur erahnen.“ Wohl wahr. Eines aber ist sicher: Diese Inszenierung vermittelt allenfalls eine Ahnung davon, was Genets Zofen auf der Bühne alles anrichten könnten.

Die nächsten Vorstellungen: 20., 23. und 30. November, 11., 18., 22. und 27. Dezember. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.