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Willi Reiches Kunstprojekt in der Grafschaft: Schrott in Bewegung, alles im Fluss

Willi Reiches Kunstprojekt in der Grafschaft : Schrott in Bewegung, alles im Fluss

Wachtberger Kunstmaschinist Willi Reiche hat schon über 70 kinetische Objekte gebaut. Eine feine Auswahl zeigt er in einer Halle in der Grafschaft

Venedig hat gewiss seine ganz speziellen Reize vom Dogenpalast bis zur Ca’ D‘Oro, vom Campo Santo Stefano bis zur Frarikirche. Aber wer kommt in Stadt an der Lagune auf die Idee, auf den Boden zu schauen? Willi Reiche aus Wachtberg. Er hat auf venezianischem Boden 14 wunderschöne, sehr filigrane gusseiserne Kanaldeckel gefunden, diese auf einer im bäuerlichen Milieu gebräuchlichen rostigen, gitterartigen Zinkenegge arrangiert und mit einem Transmissions­riemen verbunden. Auf Knopfdruck drehen sich die Gullydeckel träge. „Rosetta del Lido“ nennt Reiche seine Kunstmaschine, „etwas ganz Simples“, wie er sagt. Immerhin ein Stück Bella Italia in der Grafschaft. Dort steht Reiches Holzbaracke, die mehrere Dutzend kinetische Maschinen beherbergt, die der gebürtige Fürther in eineinhalb Jahrzehnten zusammengeschraubt und -geschweißt hat.

Die Adresse will er nicht in der Zeitung lesen. Auch aus Sicherheitsgründen. Aber wer sich bei Reiche anmeldet, bekommt eine Anfahrtskizze und eine erstklassige Führung durch den Kunstmaschinisten persönlich. Es lohnt sich.

Fundstücke vom Flohmarkt

 Immer in Bewegung: Willi Reiche spricht über seine Kunst.  Hier steht er vor dem Werk „Schirmakazie“
Immer in Bewegung: Willi Reiche spricht über seine Kunst. Hier steht er vor dem Werk „Schirmakazie“ Foto: Benjamin Westhoff

Unbefangene Zeitgenossen würden das Grundmaterial, mit dem der Mann arbeitet, einfach Schrott nennen. Für Reiche sind die Dinge, die er auf Recyclinghöfen oder Flohmärkten findet Kostbarkeiten. Er kennt jedes Stück, weiß, was es ist oder vor Urzeiten angetrieben hat. Jedes Bauteil hat seine eigene Geschichte, jedes Kunstwerk auch. Zusammen erzählen die systematisch oder wild arrangierten Fundstücke eine neue Geschichte. Und es sind wirklich bizarre Dinge dabei.

Etwa die „Dancing Devils“, die tanzenden Teufel, neun Gabeln mit einem Dorn in der Mitte. In Reiches Halle drehen sie sich wie Tänzer und werfen einen schönen Schatten an die Wand. Als sie noch nicht in der Grafschaft waren, dienten sie in Bayern zum Aufrichten und Fixieren von Maibäumen. Interessant auch die oben mit einem breit gelagertem Räderwerk recht ausladende Maschine, deren schlanker Fuß eine Ständerbohrmaschine ist. Der Silhouette verdankt das gute Stück seinen Namen „Schirm­akazie“. „Bei mir entwickelt sich so etwas entlang der technischen Möglichkeiten“, sagt Reiche, „die grobe Form hatte ich im Kopf“. Dann hat er fünf Arme aufgebaut, fünf Räder laufen rechtsrum, fünf linksrum. Daneben steht die „Trauerweide“ aus Andruckwalzen für den Textildruck, „eine Schenkung von einem Kollegen aus dem Harz“.

Neue Reihe „Von der Wiege bis zur Bahre“

Reiche ist wie seine Schwungräder, Gestänge und Wellen immer in Bewegung. Ganz neu ist die zwölfteilige Reihe „Von der Wiege bis zur Bahre“: Noch unvollendet. „Sports“ ist eines der Objekte daraus: Im Takt bewegen sich Tennisschläger, Boxhandschuhe und Schwimmflossen.

Momentan ist noch einiges für eine große Ausstellung zu erledigen, zu der Reiche eingeladen wurde: Das Luftmuseum in Amberg stellt den Wachtberger ab Ende
April 2022 in einer Ausstellung vor. Der Titel „Blowin’ in the Wind“ bezieht sich weniger auf Bob Dylan als auf ein in diesem Jahr entstandenes Riesenwerk gleichen Namens. Eine Arbeit, die in einem Bühnenrahmen parallel mehrere Geschichten erzählt und wirklich viel fürs Auge bietet. Weitere Objekte mit der Luftthematik stehen in der Halle. Eines bestückt mit einem Dutzend Schneckenlüftern, zwei Saugpropellern und Kälbermilchwärmern, die hin- und herschwenken. Titel der Arbeit: „Blaskonzert“. „Bügelpalast“, eine andere Arbeit, ist ein altarähnliches Konstrukt aus sechs blankgeputzten Bügelmaschinen und
einer Heißmangel. „Secret Dreams“, ist ein geflügelter V-8-Motorblock, „deutet auf Männerträume“ (Reiche), Fuchsschwanz inklusive. Das Objekt steht auf drei gedrechselten Füßen eines Konzertflügels. Bekrönt wird „Secret Dreams“ von einem Sportlenkrad. Darunter die Lampe eines Röntgenbetrachters als dezenter Hinweis auf die Ärzteschaft als Klientel PS-starker Boliden.

Hommage an Jean Tinguely

Wo das alles herkommt? Wer kinetische Objekte aus Schrott produziert, muss sich zwangsläufig fragen lassen, wie er es mit dem Schweizer Jean Tinguely (1925-1991) hält, dem für seine lärmenden Maschinen bekannten Altmeister der kinetischen Kunst. 1998 baute Reiche seine erste Arbeit und nannte sie „Hommage I“, gewidmet dem „großen Vorbild Tinguely“. „Daran kann man sich schön abarbeiten“, schmunzelt er. Das Objekt: eine Kombination aus Ackerpflug, einem Laufrad vom Kartoffelroder, weiteren Elementen aus der Landwirtschaft und einer Gasleuchte. Für Reiches Begriffe rumpelt die Maschine ganz schön – Tinguelys Welt war lauter, schriller. Das ist einer der fundamentalen Unterschiede zwischen den beiden Kinetikern: Tinguely war laut, radikal, mitunter brutal, Reiche liebt das Poetische, das filigrane Schattenspiel, die Historie der Dinge. „Hommage II“ gibt es auch, die ist aber mit sechs Metern so groß, dass sie die Dimensionen der Halle sprengen würde. 2016, an Tinguelys 25. Todestag, zeigte er das Werk in der Montreux Art Gallery. Außerdem das witzige „Spy’n’Spy“, und „Nous sommes en piste“. Beide Werke sind in der Halle zu sehen.

„Nous sommes en Piste“ was übersetzt „Wir sind unterwegs“ und im übertragenen Sinn „Uns geht es gut“ heißt, ist mit über drei Metern Höhe und dreieinhalb Metern Breite eines der größten Objekte der Halle: Auf Knopfdruck rutschen alte Ski mit antiken Schuhen hin und her – „und kommen nicht vom Fleck“, wie Reiche anmerkt. Ähnlich uneffektiv, aber opulent ist das rotierende Räderwerk, das die Maschine bekrönt. Basis ist ein wunderschöner alter Marktbeschicker-Wagen, der einem Restaurator auf der Kaiser­straße gehörte, wie sich Reiche erinnert. „Spy’n’Spy“ widmet sich dem Thema Spione, die sich leicht in dem Gefüge wippender Schuhspanner und tanzender Hutmodelle ausmachen lassen. Eine Adaption der Comicserie „Spy vs. Spy“ erschien in der Satirezeitschrift „Mad“.

Beklemmendes Schicksal

Reiche, der 1954 in Fürth geboren wurde, in Oberfranken aufwuchs und dann mit der Familie nach Bonn zog (wegen des Baus der Trinkwassertalsperre Mauthaus wurden Reiches Eltern zwangsenteignet) hat seine eigene Spionage­geschichte. Eine tragische und traurige. Vater Walter Reiche hatte einen Job bei der SPD, machte Karriere in der Bonner Baracke, erzählt der Sohn, geriet aber unter Ost-Spionageverdacht und wurde herausgeworfen. Der Sohn spricht von Verrat. Nach seinem Rauswurf sei der Vater zum General-Anzeiger gegangen, als Lokalreporter im Vorgebirge. Später ging er in den Vertrieb. „Er ist nie rehabilitiert worden“, erzählt Reiche traurig.

Willi Reiche ging in Bonn zur Schule und studierte von 1975 bis 1982 an der Bonner Universität Kunstgeschichte. Anschließend war er bis 1990 Geschäftsführer der „Grafischen Werkstatt“ in Wachtberg.

„Hommage I“ steht am Anfang einer mehr als 70 Maschinen umfassenden Serie, in der Reiche seine eigene Handschrift entwickelte. Seit den frühen 1980er Jahren ist er künstlerisch-handwerklich unterwegs: Der Autodidakt experimentiert mit Holz- und Metallobjekten und Unikaten, beginnt auf Schrottplätzen und bei Haushaltsauflösungen zu sammeln und sich insbesondere für Dinge zu interessieren, die man heute der Industriearchäologie zurechnen würde. „Mein Fundus ist unerschöpflich“, sagt Reiche, „ich bekomme auch Schenkungen, neulich kam eine ganze Palette voller Lüfter – 500 Stück“. Was er in den 1980ern beginnt und seit den späten 1990ern als Hersteller kinetischer Objekte und virtuoser Kunstmaschinist zur Perfektion treibt, ist äußerst innovativ: Die heute so angesagten Phänomene wie Nachhaltigkeit und Upcycling – Reiche praktiziert sie schon seit Jahrzehnten. In Wachtberg-Pech hat er seine Werkstatt. „Ich bin ein sehr fleißiger Arbeiter“, sagt er, „bei mir fliegen die Funken, da wird gebohrt, geschweißt, geflext und geschliffen“.

 Wie das aussieht, sieht man in dem unlängst gedrehten, schönen Video für die „Macher“-Serie der Baumarktkette Hornbach. Da sieht man Reiche hart arbeiten, dann erzählt er über sich und seine Sammelleidenschaft. Und sagt Sätze wie: „In der Nutzlosigkeit meiner Maschinen liegt ihre Schönheit“.